GEROLD TAGWERKER
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Der geometrische Raster bildet in den Arbeiten Gerold Tagwerkers eine immer wiederkehrende Figur und den wesentlichen formalen wie auch inhaltlichen Bezugspunkt. Man findet bei Tagwerker Raster in semidokumentarischen Fotografien von Hochhausfassaden (urban studies ), in skulpturalen Arbeiten (grids_untitled ) in Form verzinkter Stahlgitter oder sieht sich als Betrachter einer lichtinstallativen Arbeit mit verspiegelten Gittermodulen konfrontiert (blur.grid ). In der Ausstellung zero_X schafft Tagwerker ein Ensemble von visuellen Anordnungen oder Dispositiven, um die ins kollektive Unbewusste gesickerten Formen des Rasters lesbar, rekontextualisierbar und damit ästhetisch sowie semiotisch anschlussfähig zu machen. Tagwerker fasst die Formen, auf die er rekurriert, dabei nicht als kulturelle Gegebenheiten oder Immanenzen auf, sondern reflektiert deren kulturgeschichtliche Aufladung und Verweiszusammenhänge. In der aktuellen Ausstellung erweitert Tagwerker das Formenrepertoire der rasterbasierten Kreuzform um eine X-Form, die wie die anderen Raster und Rasterfragmente mehrdeutige semantische Verweise bildet. Tagwerker untersucht die unterschiedlichen performativen Möglichkeiten des Rasters, wobei jede Arbeit zugleich auf andere Arbeiten im Raum zu verweisen scheint. In Form von beinahe szenischen Arrangements treten die Bilder und Objekte miteinander in Beziehung und kommentieren einander gegenseitig. So ergeben sich im Rahmen dieser Ausstellung drei Gruppen von Arbeiten, drei semantische Felder, die miteinander ein Geflecht von Beziehungen, Verweisen und losen narrativen Koppelungen bilden. Im Folgenden möchte ich für jedes dieser Felder exemplarisch ein bis zwei Arbeiten heranziehen - jedoch nicht in der Absicht einer eindeutigen Lektüre oder "Dechiffrierung". Das Interesse Tagwerkers am Raster gilt ja gerade der Polysemie des Rasters, der Vieldeutigkeit seiner potentiellen semantischen Koppelungen. I/ Das Skulpturenpaar alex#1_wood und alex#1_steel , das ich der ersten Gruppe von Arbeiten, dem ersten semantischen Feld, zuordnen möchte, verweist durchaus noch auf Tagwerkers frühere Analysen rasterlogischer Formen, die sich auf Moderne und Modernismus beziehen. So liegt auch die historische Referenz dieser Arbeit in der Moderne. Tagwerker bezieht sich hier auf ein kleines abstrakt-konstruktivistisches Modell Alexander Rodtschenkos, den Baustein eines möglichen Strukturgefüges, das unendlich erweiterbar ist. Er entlehnt diese Form, interpretiert das Modul Rodtschenkos jedoch um, indem er Größe und Material verändert. Durch die Vergrößerung macht er das Modell zur Skulptur, zum körperlichen Gegenüber der BetrachterInnen. Zudem stellt er zwei unterschiedliche Varianten her, eine kleinere aus poliertem Stahl sowie eine etwas größere aus unbehandeltem Fichtenholz. Das Objektpaar bildet ein Differenzgefüge, eine Skulptur wird zum Kommentar und zur Infragestellung der anderen. Tagwerker inszeniert hier die unterschiedliche Performanz eines Formprinzips. Der Form nach gleich, entwickeln die Objekte dennoch völlig unterschiedliche Präsenz im Raum und koppeln unterschiedliche Konnotationsfelder und assoziative Aufladungen. Das Stahlobjekt könnte als Pult, als Tisch oder einfach als Objekt der Minimal Art gelesen werden, während das Holzobjekt an einen Werkstock, einen Hackstock oder auch an ein Objekt Carl Andres denken lässt. Der Betrachter des Skulpturenpaares wird zum Handlungsträger eines differenzbildenden ästhetischen Spiels, das er mithervorbringt und fortschreibt. Tagwerker untersucht hier einen klassisch-modernen Entwurf, um zu zeigen, wie die Formen der Moderne auf unterschiedlichste Art und Weise in alltägliche Gebrauchsformen diffundieren. Trotz dieser semiotisierenden Ebene bleibt die Doppelskulptur alex#1 der konstruktivistischen Rhetorik treu. Der Raster bleibt als souveränes Konstruktionsprinzip lesbar, die Formen- und Materialsprache stets der Klarheit verpflichtet. In der Fotoserie urban studies - Chicago#7 führt Tagwerker, zumindest auf den ersten Blick, eine geschichtsreflexive Lektüre des Rasters durch. Hinsichtlich der interpretatorischen "Werktreue" findet sich noch eine ähnliche Ernsthaftigkeit wie bei der Doppelskulptur alex#1 . Man sieht sich vier gleich großen, quadratischen Fotografien des Hochhauses auf dem Netsch-Universitätscampus in Illinois/Chicago, einer Ikone der modernistischen Architektur, gegenüber. In der Positionierung der Bilder, die freistehend an die Wand gelehnt sind, sich teilweise überlagern und verdecken, findet sich jedoch bereits ein die rasterlogische Ordnung dekonstruierender, beinahe spielerischer Ansatz. Die strenge Struktur des Gebäudes wird durch die lose Anordnung der Bilder zum Pattern umgeschrieben, der Raster dabei gebrochen und verfügbar, das heißt frei kombinierbar gemacht. II/ Die zweite Werkgruppe unterminiert die Prinzipien der Moderne und des Modernismus um ein Weiteres und lässt - dies ist für Tagwerkers Arbeit ein Novum - eine durchaus narrative Lesart zu. Das Brecheisen in der Installation wrecking , wenn auch zur Skulptur verwandelt und dem alltäglichen Kontext durch Veränderung der Materialsprache (Verchromen) enthoben, tritt in einen szenischen Zusammenhang mit der Stahlblechtür der daneben befindlichen Arbeit Exit , einer Tür, die den Betrachter beim Blick nach "draußen" auf das eigene hinter einem Raster gefangene Spiegelbild zurückwirft. Der Betrachter findet sich in einer geradezu bedrohlichen Situation wieder, bei der jegliche Identifikation mit dem Gesehenen und der kontemplative Blick auf das ästhetische Objekt verhindert wird. Tagwerker schafft mit diesem Ensemble ein geradezu dystopisch anmutendes Szenario. Im Spiegelobjekt target.mirror wird der Betrachter mit einer aus Spiegelsegmenten schichtenweise zusammengesetzten Zielscheibe konfrontiert. Tagwerker zitiert hierbei grafisch ein Fadenkreuz. Der Raster spielt in diesem visuellen Dispositiv keinesfalls eine neutrale Rolle, er repräsentiert vielmehr eine Wahrnehmungssituation der Bedrohung. Doch führt er das Dispositiv der Kontrolle durch den Einsatz von Spiegelglas ad absurdum: Der Betrachter selbst ist im Visier. Im Versuch der Fokussierung fragmentiert der Betrachter aufgrund des schichtenweisen Aufbaus des Spiegelobjekts das eigene Antlitz. Die großformatige Fotografie Tampa#1 an der Stirnwand des vorderen Raums verstärkt das die Ausstellung charakterisierende Moment des Bedrohlichen. Der Betrachter sieht, beinahe aus der Froschperspektive, ein übermächtig wirkendes Gebäude, realiter ein Versicherungsgebäude in Chicago. Wie in den früheren Fotoarbeiten der Serie urban studies wählt Tagwerker eine Bildgröße, die die Körpergröße der BetrachterInnen übersteigt und verstärkt damit den imposanten Wahrnehmungseindruck. Er inszeniert die Ansicht eines Gebäudes, das abstrakt und roh scheint, das an Gefängnisarchitektur denken lässt. In Resonanz und im konnotativen Wechselspiel mit dem Brecheisen von wrecking , der Stahlblechtür von Exit und target.mirror entsteht schließlich ein szenisch-narratives Ensemble der Bedrohlichkeit. Mit dieser Exaggeration erweitert Tagwerker seine Untersuchung der Polysemie des Rasters um eine Ebene, die das Idiom der Moderne ironisch kommentiert und die Autorität des Rasters infrage stellt. III/ In der dritten Werkgruppe, wofür die Installation blur.grid exemplarisch stehen kann, wird die Figur des Rasters auf phänomenologische Art und Weise unterwandert und aufgelöst. Tagwerker inszeniert in blur.grid eine bewegliche Wand, einen Raumteiler, der aus sechs quadratischen Neonlichtmodulen zusammengesetzt ist. Die Anordnung der rasterartig verspiegelten Module verdichtet sich zur Lichtwand, die Tagwerker parallel zur Ausstellungswand positioniert, sodass sich ein schmaler Korridor zwischen Wand und Objekt bildet. Man durchschreitet einen pulsierenden Korridor, einen Ort, der eine Verunsicherung und Destabilisierung der Wahrnehmung verursacht. Der ästhetische Status des Rasters ist im Kontext dieser Lichtinstallation ambivalent: Die durch den Raster vermittelte geometrische Klarheit wird vom Schwanken der Lichtintensität der Neonröhren konterkariert. Das Pulsieren des Lichts überblendet den Raster und löst ihn auf. Nicht das Lichtobjekt im Sinne einer geschlossenen Entität, sondern seine destabilisierende Wirkung auf den gesamten umgebenden Raum und die benachbarten Arbeiten bildet hier das ästhetische Ereignis. Die Arbeit schafft eine geradezu akzidentielle Räumlichkeit, in der nicht mehr orthogonale Ordnung und räumliche Bestimmbarkeit dominieren, sondern die Indeterminiertheit raumzeitlicher Abläufe und die Kontingenz der Raumerfahrung in eine Art perzeptiven Ausnahmezustand münden. Indem blur.grid eine Räumlichkeit hervorbringt, der stets eine Unbestimmtheit, Unsicherheit, ja ein Scheitern eingeschrieben ist, wird evident, dass Raum kein metaphysisch Reales ist, das sich einfach in ein Koordinatensystem übersetzen lässt. Die Infragestellung des abstrahierten, geometrisierten Raums mündet bei Tagwerker in die Evokation eines "akzidentiellen, heterogenen Raums, in dem die Teile und Brüche wieder zum Wesentlichen werden" (Virilio). David Komary zur Ausstellung "Gerold Tagwerker - zero_X ", Galerie Grita Insam, Wien 2010
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„Chicago ist die wahre amerikanische Großstadt: produktiv, gewalttätig und tough. Hier stehen die Klassen einander wie feindliche Heere gegenüber, die Wohlhabenden in den schmalen Streifen reicher Wohnburgen längs des herrlichen Seeufers und gleich dahinter die riesige Hölle der armen Viertel." So schreibt Italo Calvino 1959/60 auf einer Reise in den USA (#1). Es wird ein USA-Bild heraufbeschworen, dass für die Zeit der 50’ger Jahre typisch ist. Auch Mies van der Rohe reiht sich in dieses Bild idealtypisch mit ein. Mies’ Bauten zeichnen sich durch Wirtschaftlichkeit und Eleganz aus. Sie werden für mindestens dreißig Jahre die Vorbilder weltweit für US-amerikanische Effizienz und elegant auftretende Mächtigkeit. Die rationellen rasterartigen Bauten entsprechen dabei noch weiteren Idealen: Funktionalität, Sachlichkeit, Transparenz von Struktur und Konstruktion. Allesamt geradezu Schlagwörter eines anzustrebenden Demokratieverständnisses. Gerold Tagwerker war vielmals in Chicago und verarbeitet immer wieder Motive aus dieser zum Sinnbild gewordenen Stadt der amerikanischen Moderne. So lehnt er beispielsweise einen schwarz/weißen Fotoabzug, kaschiert auf eine Pressspantafel an die Wand. Körnig, und als ob der Blick bei der Monumentalität des Motivs dieses gar nicht ganz erfassen kann, kippt er nach oben und nach hinten und gibt nur je zwei kleine Ausschnitte Himmel frei. Der Rest ist Fassade und eine typische Mies’sche Gebäudekante. Wie bei einer gotischen Kathedrale strebt der Blick aufwärts und die Struktur verkleinert sich dementsprechend perspektivisch. Abgestellt und angelehnt kippt das Motiv sogar doppelt. Und als Bild auf einer Spanplatte verweist es gleichzeitig auf seine Materialität, einem Display gleich, das für einen Einsatz bereit steht. Der Gegenständlichkeit dieser Art von Arbeiten, die in Tagwerkers Werk immer wieder auftauchen, scheint besondere Bedeutung zuzukommen, benützt er doch gern Materialien und deren Kombination, die wie selbstverständlich zum allgemeinen Inventar heutiger Architektur gehören wie zum Beispiel Leuchtstoffröhren, verzinkte Gitter oder billige, aber edel erscheinende Platten, die als Paneele den Anblick baulicher Eingeweide wie Kabel und Röhren verdecken. Da diese Vertrautheit schon auf Gewohnheit unseres Verständnisses von moderner Architektur fußt, kann sie mittlerweile auch als eine Tradition gesehen werden, neben der gleichzeitig noch die ländlich bodenständige, regionale parallel existiert. Der wechselseitig erfolgte transatlantische Modernetransfer spiegelt dabei auch die europäische Geschichte von Ablehnung und Vereinnahmung der Moderne überhaupt wider. Im Osten und mittleren Westen der USA wurden die Architektur und die Kunst stark durch die vom Bauhaus geprägte Ernsthaftigkeit beeinflusst. Dagegen steht im Westen der USA gleichzeitig das Bild von Kalifornien mit seiner leicht anmutenden Experimentierfreudigkeit, wie sie beispielhaft in der Architektur eines Pierre Koenig oder dem Design von Charles und Ray Eames gesehen werden kann. Der ewige Wunsch nach Variabilität, Hinzufügen und Wegnehmen, Anpassen an vorhandene Verhältnisse und nomadisch anmutender Reversibilität, wird hier sichtbar. Die Idee aus Flächen Räume zu gestalten, ist hier zum Spiel geronnen, in das man sich einnisten kann und der Benutzer der Souverän bleibt. In seinen „construct_unfinished"-Skulpturen geht Tagwerker diesem Phänomen nach und zeigt es als überdimensioniertes Zitat einer modularen Architektur, die wiederum das „House of Cards" von Ray Eames zitiert als das nie ganz zu erreichende Ideal einer Architekturphantasie. Das „anything goes" des Fortschrittsglaubens findet hier sein unhandliches Bild. Auch zwei Videoarbeiten Tagwerkers kreisen um das Thema unserer Kultur Räume zu gestalten. In dem einen bauen Kinder Klötze zu Hochhäusern, die unweigerlich zusammenbrechen müssen. Im anderen variiert der Architekturhistoriker und Schriftsteller Friedrich Achleitner, der mit einer Brille à la Corbusier ausgestattet, den österreichischen Zeitraum der Moderne gleichsam selbst verkörpert, die Worte „form", „follows" und „function" zum behäbigen nicht ganz akzentfreien Rap, die Phrase der Moderne in der Architektur überhaupt. Axel Jablonski im Katalog zur Ausstellung „Fifty Fifty - Kunst im Dialog mit den 50er-Jahren", Wien Museum, Verlag für moderne Kunst Nürnberg, Nürnberg 2009 (#1) Italo Calvino. Eremit in Paris. München 1997. S. 85
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Da wir bisher den Raum vom Boden her, also geometrisch, erlebt und verstanden haben, war das Merkmal alles Räumlichen die Definition, die Grenze. Und jetzt, da wir den Raum von innen her, also topologisch, zu erleben und zu verstehen beginnen, wird das Merkmal alles Räumlichen das Überschneiden, das Überdecken, das Ineinandergreifen werden. (Vilém Flusser) Der Ausstellungsraum von impermanent geometry ist - so möchte man auf den ersten Blick meinen - in zwei Zonen unterteilt. Zwei Zonen in Analogie zu den zwei künstlerischen Positionen von Gerold Tagwerker und Amy Yoes, die weder räumlich miteinander verbunden noch ästhetisch miteinander synchronisiert sind. Das verbindende Element ist ein geradezu immaterielles: Sowohl bei Tagwerker als auch bei Yoes fungiert Licht als wesentliches raumkonstitutives Medium, einmal durch die Evokation eines unbestimmten, diffus atmosphärischen Lichtraums, das andre Mal als Trägermedium einer Projektion, die die arretierten Einzelbilder einer Stop-Motion-Animation zu einem Bildraumkontinuum synthetisiert. In beiden Fällen evoziert das Licht - hierin liegt der gemeinsame Nenner - eine geradezu transitorische Bildräumlichkeit, in der nicht die orthogonale Ordnung und die räumliche Bestimmbarkeit von Interesse sind, sondern die Indeterminiertheit raumzeitlicher Zusammenhänge und Abläufe sowie die Kontingenz der Raumerfahrung in der ästhetischen Anschauung. Sowohl Tagwerker als auch Yoes gehen in ihren Arbeiten mit der Konstruktion gegen die Konstruktion vor. Sie inszenieren visuelle Systeme und untersuchen das jeweilige Möglichkeitsfeld von Rekursivität und Selbstreferenz innerhalb dieser autopoietisch erscheinenden ästhetischen Kreisläufe. Die KünstlerInnen stellen dabei die schematisiert geometrisierte Raumvorstellung zur Diskussion. Der Konvention des triaxialen, euklidischen Behälterraums wird, einmal phänomenologisch (Tagwerker), einmal semiologisch (Yoes), eine dynamisierte, relationale Raumvorstellung gegenübergestellt. Die KünstlerInnen generieren auf vager Geometrie fundierte Bildräumlichkeiten, sie inszenieren unbeständige Geometrien, die den Betrachter mit einer Situation der Unbestimmtheit und der Kontingenz konfrontieren. Gerold Tagwerker versucht, das kollektive Unbewusste urbanistischer Grundformen transparent zu machen. Fokussiert werden einerseits die utopischen Aufladungen dieser Formen, andererseits ihre Auswirkungen auf die Wahrnehmung. In der Lichtarbeit blur.grid verbindet Tagwerker objekthafte Konkretheit mit ästhetisch-prozessualer Offenheit und Unbestimmtheit: Tagwerker „inszeniert" eine bewegliche Wand, einen Raumteiler, zusammengesetzt aus sechs quadratischen Neonlichtmodulen. Die Anordnung der rasterartig verspiegelten Module verdichtet sich zur Lichtwand, avanciert zum Bild, zur Raster-Licht-Malerei. Der Raster evoziert in dieser pikturalen Lesart die Vorstellung eines Velums, des Fadengitters, das zur Strukturierung, Vermessung und Konstruktion des zentralperspektivisch organisierten Bildraums diente. Der Raster versprach Orientierung, garantierte die Vermessbarkeit des „dahinterliegenden" Raums und verwies zugleich stets auf einen souveränen Beobachterstandpunkt. In seiner Durchsichtigkeit wurde der Raster zudem Ikone und wesentliches Leitmotiv der Moderne, verbunden mit der Forderung nach der Auflösung der Grenzen, der Verschmelzung von Innen und Außen und dem Ideal der absoluten Transparenz. Doch der ästhetische Status des Rasters im Kontext dieser Lichtinstallation ist ambivalent: Die durch den Raster vermittelte geometrische Klarheit wird von einer Inkonstanz, dem Schwanken der Lichtintensität der Neonröhren, konterkariert. Das Licht, sukzessive an- und absteigend, überblendet den Raster, es drängt sich vor, löst ihn auf, um dann wieder hinter ihm zurückzutreten. Eine Ästhetik der Periodizität und des Schwindens bestimmt die Arbeit. Die präzise Form des Rasters wird im Crescendo des Lichts unscharf, er wird zum blurred grid. Das Licht selbst wird dabei in seiner Medialität, eigentlich seiner Immaterialität, „sichtbar". Nicht mehr die Fläche ist der ästhetische Handlungsraum, sondern der gesamte umgebende Raum, der, vom Licht „affiziert", zwischen Nah- und Fernraum oszilliert. Dem anfänglich anklingenden funktionalistischen Optimismus der Lichtskulptur tritt eine phänomenologische Komponente gegenüber. Bei Tagwerker kreuzen sich zwei komplementäre Bildräumlichkeiten, atmosphärisch/phänomenologische und geometrisch/abstrakte Räumlichkeit. Die Arbeit adressiert anfänglich das Auge, wendet sich dann jedoch dem gesamten kinästhetischen Komplex, dem Körper, zu. Der Betrachter wird Teil eines Lichtraums, eines von Lichtvektoren und -lagen konstituierten transitorischen Bereichs, er durchschreitet ihn, schreibt sich ihm ein, indem der die Lichtprojektion schneidet. Tagwerker gelingt es, Wahrnehmung kontingent zu setzen. Der Betrachter findet sich wieder in einem Kontinuum möglicher Anschauungen, einem Kontinuum der phänomenologischen Zeit als ein „Ineinander von Retention und Protention" (Husserl). Die Fokussierung auf die Temporalisierung der Wahrnehmung sowie die Relativierung triaxialer Raumstrukturen bilden wesentliche Gemeinsamkeiten mit der Arbeit von Amy Yoes. Ein „rear-view mirror", ein Rückspiegel, erlaubt einen Blick zurück bei gleichzeitiger Vorwärtsbewegung. Im gleichnamigen Video von Amy Yoes, einer Stop-Motion-Animation, wird eine ähnliche Doppelbewegung auf bildsemantischer wie auf temporalontologischer Ebene evoziert. Yoes scheint historische Bilder, etwa von Schwitters Merzbau, zu dynamisieren, sie lässt Archivbilder zum Leben erwachen. Die Bilder beziehen sich zwar entfernt auf bekannte fotografische Vorlagen, überlassen den Betrachter aber dennoch einer gewissen Unbestimmtheit. Die Animation erscheint als vage Erinnerung, vielleicht bereits eine Erinnerung an die Erinnerung, gänzlich in Schwarzweiß gehalten, einer alten Fotografie nicht unähnlich; eine Unbestimmtheit, die etwas Unheimliches in sich birgt. Die Lichtprojektion schafft Gegenstände und Abläufe von geisterhafter, obskurer Präsenz, die mit jedem Augenblick, mit jedem Bild, zu vergehen drohen. In einem bühnenhaften Arrangement, das in einer einzigen „Einstellung" vorgeführt wird, inszeniert Yoes die sukzessive Dynamisierung und Verdichtung teils dreidimensional-abstrakter, teils flächig-ornamentaler Formen. Linien, Kurven sowie amorphe Formen, gefertigt aus Papier, Draht, Plastilin, treten neben- und nacheinander auf und führen ihre Fähigkeit zur ästhetischen Affizierung vor. Die formalen Elemente bzw. Akteure fungieren hierbei als ästhetische Entitäten ohne klar bestimmbare Referenzen und Zwecke, sie sind Einzelbestandteile, deren ästhetischer Gehalt erst in der Konstellation und im Zusammenspiel mit anderen Elementen evident wird. Wenn Ursache und Wirkung in diesen gerichtet-ungerichteten Abläufen auch unklar bleiben, so ist der fortwährende Anschluss als Prinzip erkennbar. Die Formen bilden Gruppen, Subszenen, treten dann in Interferenz mit anderen Formgruppen, verdichten sich, lösen sich wieder auf oder treten ab. Die visuellen Ereignisse scheinen einer inneren, geradezu kompositorischen, wenngleich maschinellen Logik zu gehorchen und erzeugen ihren eigenen imaginären Raum der Heterogenität und Simultanität. Yoes rekurriert wie auch Tagwerker auf Bildregien der frühen Moderne, insbesondere jedoch auf deren experimentelle Variabilität. In ihren Animationen stehen abstakte, flächige und (teils) figurative Elemente in keinem Gegensatz zueinander, einzig die Performanz und die Kontingenz der ästhetischen Ereignisketten sind von Interesse. Versuchten die Surrealisten, dem Rationalismus einer technologisch und funktionalistisch bestimmten Moderne die Dimension des Unbewussten entgegenzusetzen, so finden sich in Yoes Akteuren, die sich im Übergangsfeld von Abstraktem und Amorphem, Traumhaftem und Realem, Physischem und Psychischem bewegen, während sie einer écriture automatique zu folgen scheinen, beide Momente miteinander verbunden. Yoes und Tagwerker entwerfen eine Räumlichkeit, der stets eine zeitliche Dimension inhärent ist. Solcher Raum ist nicht schlichtweg vorhanden, er ist kein metaphysisch Reales, das in ein Koordinatensystem übersetzt werden kann - sein ontologischer Status, sein Sein, ist vielmehr vom Werden nicht zu trennen: impermanent geometry. Durch die Auflösung konventioneller Raumvorstellung, des triaxialen Koordinatensystems als Bezugsrahmen räumlicher Vor- und Darstellung, ist der Betrachter sowohl bei Yoes als auch bei Tagwerker letztlich aufgefordert, den eigenen „Standpunkt" - ob innerbildlich-imaginär bei Yoes oder phänomenologisch-real bei Tagwerker - zu überprüfen und der Bildlektüre (semiologisch) sowie der eigenen Erfahrung (phänomenologisch) gegenüberzustellen.
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Die Arbeiten von Gerold Tagwerker befassen sich mit Aspekten eines Modernismus, der spätestens seit den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts Einzug in urbane Kontexte gehalten und diese sozialisierenden wie identitätsstiftenden Areale der Lebenswelt nachhaltig geprägt hat. Ungeachtet ihrer Einflussnahme auf Alltagswahrnehmungen und Verhaltensweisen, scheinen die fokussierten Phänomene in der Gegenwart weitgehend kollektiv einverleibt, so dass sie kaum noch bewusst gesehen, geschweige denn reflektiert werden. Zentrale Motive sind mit Licht, Rhythmus, Spiegel und Raster bedeutungsgeladene Mittel, die einerseits existentiell in den Alltag ragen und andererseits ebenso wesentliche wie subtile Elemente einer allgegenwärtigen Kontroll- und Machtausübung sind. Zumeist an architektonischen Zusammenhängen festgemacht und vereinzelt oder kombiniert in großformatigen Fotografien, Skulpturen und Installationen verhandelt, orientiert sich Gerold Tagwerker sinnfällig an Formulierungen der Minimal Art, die jedoch spielerisch verfremdet oder umgedeutet werden. Dabei bedient er sich handelsüblicher Materialien, weshalb die Arbeiten vordergründig vertraut und unaufdringlich daher kommen. Die Installation im Förderverein nutzt die vorgefundene Lichtphalanx des Ausstellungsraums aus zehn Neonröhren, die mittels einer elektronischen Steuerung nach einer zufallsgenerierenden Choreographie rhythmisch an- und abflashen, was an das technikimmanente Startflackern der Leuchtmittel erinnert. Der ansonsten künstlerisch bespielte Raum bleibt im Wortsinne leer und wird durch die Lichtinszenierung in seinen Dimension wie Gegebenheiten architektonisch und zugleich atmosphärisch erlebbar. Über die puristische Raumerfahrung hinaus, markieren die Neonröhren eine Grundfigur städtischer Lebenswirklichkeit, insofern sie den Lebensrhythmus der Stadt von natürlichen Beschränkungen, etwa Tag und Nacht abkoppeln. Dabei gibt die Taktfrequenz des pulsierenden Lichts Auskunft über die Vitalität urbaner Kontexte. Vom öffentlichen Raum in den architektonischen Innenraum verlagert, verschränken sich die Dimension von Innen und Außen, zumal die Struktur des Innenraums zum irritierenden Verweis auf Beschaffenheit und Oberfläche eines urbanen Außenraums gerinnt. Gleichzeitig produziert der programmierte Licht-Code eine Zufalls-Realität, an der sich die Wahrnehmung orientiert. In Potenzierung der Dimensionen bezieht sich "10x58W/840.flash-o.p." über die Raumwirkung hinaus sinnfällig auf eine im öffentlichen Gedächtnis Münsters nahezu in Vergessenheit geratene Installation von Otto Piene, die seit 1970/71 den vorkragenden Dachbereich der Südwestfassade des Westfälischen Landesmuseums ziert. "Silberne Frequenz" besteht aus einem flächendeckenden Raster aus verchromten Kugeln, die tagsüber das Sonnenlicht reflektieren und nachts in rhythmisch kinetischen Lichtfolgen geschaltet werden. Im Rahmen der projektierten Erweiterung des Landesmuseums in Form eines repräsentativen An- und Umbaus würde die ortspezifische Piene-Arbeit grundlegend verändert, wenn nicht sogar zerstört. Dass ungeachtet der weitgehend beschlossenen Pläne eine öffentliche Diskussion nicht stattfindet, weckt den Eindruck eines subtilen, sonderbar 'ikonoklastischen" Umgangs mit städtischen und langjährig identitäts-stiftenden Kulturartefakten in Münster. Ein vergleichbares Phänomen fokussieren drei großformatige Interieuraufnahmen aus dem Treppenhaus des städtischen Theaters, die in der in der Ausstellungshalle gezeigt werden. Das von einem Architektenteam um Harald Deilmann 1952-55 errichtete Gebäude markiert den ersten Theaterneubau nach dem Krieg in Deutschland, dessen kompromisslos eigenständige, suggestive und gleichsam sensitiv elegante Formensprache Außen wie Innen internationale Beachtung gefunden hat. Umso mehr erstaunt der marode Zustand der kulturellen Ikone, die im Inneren durch jahrzehntelange, schamlose Veränderungen an Authentizität verloren hat. Was daran liegen mag, dass in einer geschichtsbewussten Stadt wie Münster sich das Architektenteam seinerzeit ungeachtet der dogmatischen Entscheidung zum Wiederaufbau der Altstadt konsequent jeglichen Anpassungsgesten verweigert hatte, weshalb das Stadttheater noch heute als ein futuristischer Architekturmonolith erscheint. Dass die drei Aufnahmen ein Motiv aus unterschiedlichen Perspektiven ablichten, verleiht ihnen einen filmstillhaften, pseudocollageartigen Charakter. Konsequenz ist ein irritierender Raumeindruck, der den Blick aus der Gehbewegung durch eine Architektur vermittelt, die in ihrer exemplarischen Freistellung den meisten Betrachtern trotz unmittelbarer Nähe fremd vorkommen wird. Marcus Lütkemeyer im Katalog zur Ausstellung „heute hier, morgen dort...",
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At first sight, Gerold Tagwerker's work calls for review against the backdrop of the terms and formulations of minimal art, something the artist takes reference to time and again; on second sight, his work relinquishes not only acknowledge-ment of this background, but also playful defamiliarization and reinterpretation (40 years down the road, any other approach seems inconceivable) without, however, making any efforts at critical analysis or deconstruction. Present-day discourse on artistic practices serving as construction of identity and cognitive production leaves little room for minimalist convictions whose rejection of narra-tion, reference, and aura seems unable to function consistently in the context of contemporary perception. Nowadays, its breaking with European traditions, too, appears as almost nostalgic. Against this backdrop, a third sight at Tagwerker's work opens up, which tries to tempt the experiment into pretending that the 60’s never existed and instead aims at an approximation from a cultural studies per-spective. This approach will focus on five central aspects that may very well be part of the minimalist discourse but carry meaning beyond it: Light, rhythm, the mirror, the grid and perspective. The Abolition of Shadows Despite expansion of knowledge in the realm of physics, the phenomenon of light remains strangely mysterious. Its secret, which today lies in its simultaneous ex-istence as wave and particle, already began with religious myths of creation. The first chapter of "Genesis”, for example, tells us: "And God said, Let there be light: and there was light. And God saw the light, that it was good: and God divided the light from the darkness." Amazingly, this account shows light at first to remain a part of darkness - apparently, it co-existed with darkness - until God divided it from the darkness and, as we all know, assigned it to the day. Prior to this divi-sion, however, a state prevails in which light and darkness do not exclude one another. In particular, it is hard to imagine modern cities without fluorescent tubes of all kinds, it seems as though they have become the hallmark of urban life on all lev-els. Thus, light installations such as "13x58W/133.flash" or "11x58W/840.flash" are primarily seen in public urban spaces (in the context of nature they would be rendered meaningless), where they display their different potentialities day in day out. As soon as Tagwerker's light works are installed in architectural interiors, they seem immediately to want to drive them out by denying their validity: through this confrontation, even the strongest evidence of structured interiors is turned into an irritating reference to the surface structure of an exterior space, which always is to be interpreted as an urban one. The "10x58W/840.flash-o.p." installation, for instance, which the artist created for the "Förderverein Aktuelle Kunst” in Münster, Germany, so thoroughly reorganized the showroom with its flickering neon tubes that visitors entirely lost any sense of a protected space of art. In terms of atmosphere, it was suggestive of moments of uneasy feelings in underground parking garages or pedestrian underpasses. Sure enough, neigh-bors inevitably complained: Due to the fact that windows were not sealed off, neon light spread to the outside. But in residential areas, references to typical big-city places with all their connotations cannot be integrated into perception and thus are not welcome. Fluorescent tubes and urbanity, it seems, are almost inevi-tably conditional on one another; no wonder, if we consider the fact that public lighting has influenced cultural practice for nearly three hundred years. Starting from the second half of the 17th century, there is evidence of street light-ing in European metropolises; during this period, Paris, Berlin, and Leipzig, among others, installed oil lamps on a grand scale, which had an enormous im-pact on night life. The introduction of gaslight as street lighting (since 1820) was even reflected by the emergence of a new literary genre, the "gaslight novels": crime and Gothic novels whose suspense derived from the "in-between", the semi-darkness and its flickering shadows, which had only been created by this new type of lighting. More than a hundred years later, Kraftwerk wrote their lyrics "Neon light, shimmering neon light / And when the night falls / This is a city of light". These lines seem to directly point to Tagwerker's "nightpieces." Looking at images of Chicago facades of high-rise buildings at night, the reality of urban ar-chitecture has lost its powers of persuasion; instead, skyscrapers present them-selves to onlookers as sculptures of light in their own right and give rise to the melancholy and loneliness of big-city experience (which is juxtaposed to experi-ences of nature, and therefore stands as a deeply romantic motif, which is con-structed simultaneously by imagery and atmosphere). Thus, high-rise architecture, on the one hand, is only made accessible to the population at night through interior and exterior lighting. On the other hand, it ac-quires a new (symbolic) primeval state of darkness, which is not lifted by civiliza-tion's lighting facilities, but is de facto re-created, re-constructed. His light is without purpose and does not provoke urban opportunities for con-sumption; it makes no difference whether it shines at day or night as it exclusively refers to an urban condition that continues independent of degrees of brightness; it signifies only itself and urbanity, which it both refers to and produces. Against this background, Tagwerker's artistic use of fluorescent tubes becomes - freely adapted from Richard Sennet - an admonishing declaration of love to the me-tropolis itself which enters a state of crisis if the individual's standards of the thinkable and controllable are applied to it and regains urbanity when inhabitants are able to allow their experience of the confrontation with the city to be one of loosing control and being challenged. The Rhythm of Chance Those who grew up in the 70’s or early 80’s will maybe remember an electronic toy from this era called Senso. Senso was a UFO-like object whose circular sur-face had four areas installed on it, which could be made to light up in the colors of red, blue, yellow, and green. The toy would randomly set an order of colors by lighting up its four areas in different sequences. The task players had to tackle was to exactly reproduce longer and longer color sequences by pressing the re-spective color areas. In contrast to the meaning of the game's name (which trans-lates as "I feel"), Senso exclusively trained the player's visual memory and his or her ability to spontaneously memorize arbitrary sequences. The pleasure of be-ing successful at Senso derived from the experience of control over the device, which remained inferior to the playing subject. If you failed at reproducing the correct sequences, a frustrating feeling ensued of loosing control over the victori-ous machine, which then could only be subjugated by destroying it; this may ac-count for the fact the we don’t see a lot of old Sensos around these days. The (light) rhythms displayed in Gerold Tagwerker's installations prompt parallel experiences, but - unlike Senso - in doing so, they never provoke conscious in-teraction from viewers. When programming his work, the artist utilizes two princi-ples: that of chance and that of predetermined patterns. Of course, the principle of chance could be further subdivided into "analytical random series" (the origin of a sequence is known but its effects are not) and "synthetic random series" (produced by a "real" random generator). Determinism and Chance "13x58W/133.flash," which was installed in the forecourt of REMISE Bludenz in 2003, shows a well-choreographed, short coming-on of 13 fluorescent tubes which are arranged in a linear pattern: For a couple of minutes, the flickering of different groups of two to four tubes lights up until all tubes finally are set alight and momentarily appear as an uninterrupted row. These sequences are looped and repeated endlessly - thus, they represent a comprehensible plan. By con-trast, the program of "11x58W/133.flash" sets out with a composed one-minute movement of light around the chandelier's axis and subsequently bursts into a thirty-second random sequence were individual tubes are lit up arbitrarily. It fi-nally returns to resume the choreographed part anew. With the "deterministic" composition of the former work, the artist retains com-plete control of the respective present appearance of his installation. The chore-ography may not be decipherable at first sight but, in time, stamps itself on the mind. In Tagwerker's own words, it is comparable to a jazz bass line - and this explicit reference to music may be the only way to explain why viewers of "13x58W/133.flash" may experience the same frustrations as those engaging in playing with the above mentioned children's toy: Anyone who has ever tried to practice a musical instrument with the help of a metronome will recall the feeling of powerlessness the device's indifferent ticking can touch off with music-playing individuals. Therefore, the artistic as well as artificial precise performance target of a uniform beat and identical repetitions of sequences actually leaves viewers (who are subject to the laws of nature) with only two possible ways of reacting: They can try to retain control as a subject, as it were, by "running behind" perfec-tion on a technical level of perception, looking to reproduce it inside their heads, and failing, as a rule, to succeed. Or they can surrender to its superiority and un-reflectedly allow the ever-same light sequences and their ever-same rhythms to intervene with their state of consciousness and temporarily edge out the subject itself. However, with light sculptures such as "11x58W/133.flash," Gerold Tagwerker - as noted above - gives room to chance, meaning that fluorescent tubes in some sequences are lit up by a random generator so that, in part, neither the artist nor viewers are able to keep track of, let alone to predict light sequences. Neverthe-less, in his chandelier-like installation, Tagwerker has not only included "synthetic random sequences" but also planned choreography. And behind the design showing the artist release and control his work we can make out the surfacing of the philosophic concept which states that we best do justice to reality if we allow for a "mixture" of plan and arbitrariness. (In this context, there is a provocative element asserting that a certain amount of chance is a feature of individuality whose traditionally sanctioned strategies Gerold Tagwerker has already called into question through his approach to the material of "light"). Yet, the chandelier installation does not attempt to make any claims to a synthe-sis of determinism and chance but depicts them as two separate "forms of exis-tence" which - reminiscent of Tagwerker's doing away of the relation between light and darkness - do not stand as a pair of opposites and neither exclude nor give rise to each other. And how could they: A plan may be remembered; but chance has no memory, it takes place as an ever novel, non-necessary incident, which is unrelated to things that went before or after. This coexistence of two principles of reality requires the artist as well as viewers to think in a consistent manner (which does not target the resolution of difference in harmonious con-sensus) and hold a flexible acceptance of the outside - not simultaneously, not in reverse order, not for this reason, but simply side by side. Analysis and Magic The "cube.cool white" light sculpture occupies the space "between" the two works described above. It operates, as does the Bludenz installation, after a composed rhythm of lighting which, in this case, does not stick to the mind and is impossible to break down into sequences - its effect, therefore, is comparable to that of the chandelier installation. But viewers who let themselves in for the cube (which stands there evocative just as much of a freezer as of lounge furniture from the world of Stanley Kubrick) will surely pass through different "states of conscious-ness": At first, they will likely try analytically to uncover the "rule" behind the rhythmic lighting of the cube's surfaces, soon realizing that they have started a quiz game inside their minds about which tube will be the next to light up. It never works. But before viewers have a chance to get annoyed with the game, a magic moment takes place in which the entire cube is illuminated for a short while, tran-scending both in terms of substance and form, the realm we are lost for words to name in the present age. If, against all odds of a physical understanding, one is just about to think the word "wonder," all the lights are already out again. Not il-luminated anywhere, the cube now stands there as if nothing had happened, as if the other "sphere" could impossibly be. At this point, however, it has already caught them. Senso, in its true meaning, has taken place, as the toy never did. One is forced, then, to "let go" in the face of "cube.cool white," to shut down ra-tional thought in favor of emotional experience. With this, the subject's perception is reduced to a gaze that accepts everything the outside world puts before its eyes, and this gaze does not exist within the realm of time. Thus, the artist suc-ceeds in dodging what we initially have understood the formal aspect of his work to be about: in terms of aesthetics, "cube.cool white" is, ostensibly, a sculpture that belongs to the sixties. Its effect, however, suspends the viewer's sense of time and produces the moment as the only reference of perception. When it is remembered, the experience turns into an intensely focused daydream that can stay with us in the form of a melancholy feeling. Representation and Simulation Aside from planned compositions - whose patterns are either discovered by viewers or attributed to chance - and the "real" random generator, there is an-other variety of "analytical random series," a variation of which is shown in Tagwerker's "11x58W/840.flash" installation. This installation operates according to a free adaptation of seemingly random programming but is modeled on the Bludenz installation by letting its figurations merge into one another. Engineer Klaus Köck, who was in charge of programming the control module, wrote the following: "The flickering of a fluorescent tube upon being turned on is a process, which is not predictable. Arbitrariness does not increase when something, which is already arbitrary, happens by chance. When you realize a light art project, the technician finds himself in the situation of a conductor who is supposed to pre-miere a piece of music but is given only one sheet showing a graphic notation. But before the work can be performed (exhibited), the engineer must first invent and build some of the instruments. ... I haven't built a random control module, I have tried to create a representation of chance." With Köck's reading (which once again takes reference to music) artistic expres-sion is not determined by the "real" quality of arbitrariness but by the strength of the (manipulated) effect of chance, which the engineer defines as capable of be-ing increased - chance can appear as being "greater" or "smaller" and acquire higher visibility through representation than with actual random sequences. Through manipulation, the phenomenon is zoomed in upon to the effect that viewers are faced with a simulation of arbitrariness that is stronger than reality. The programmed code of light produces a random reality where signs and reali-ties are fused and rendered indistinguishable - Baudrillard's "larger cultural proc-ess of the modern age" comes to mind. In collaboration with the programmer, Gerold Tagwerker inscribes into this light installation a quality of uncertainty that could be stretched to signify our contemporary perception of the world on a gen-eral level. The act of relating to reality is canceled out, critical judgment has be-come unattainable for individuals; obscure powers pull the strings in the back-ground to let reality appear in a way that best serves their interests. The amplifi-cation of the effect of randomness through artistic manipulation intervenes with reality but remains within the reach of description. The latter critically points to indescribable manipulations to which we are exposed. The Silence Behind Mirrors A regularly recurring source material of Gerold Tagwerker's work is the mirror (or mirror backing foil). From his individual objects, it usually turns to viewers as a contact surface. It reflects both the space surrounding the work of art and the viewer, not as a complete mirror image, however, but "deconstructed" into parts, as it were, by gaps which are always part of the surface structures. In that, a ref-erence to the first-ever reading of the mirror motif in cultural history does not ap-ply: Narcissus depends on a complete, unrefracted view of himself in order to be spellbound by his own mirror image, which from now on (like the shadow) will serve to confirm certainty of his self. Lewis Carroll's Alice, on the other hand, had no business with this type of identity discourse and can take those interpreting Tagwerker's mirror-theme by the hand to achieve what any cat will attempt to do when faced with its mirror image - to get behind the mirror. In "Through the Look-ing Glass" (1872), these are Alice's words: "Let's pretend there's a way of getting through into it, somehow, ... Let's pretend the glass has got all soft like gauze, so that we can get through. Why, it's turning into a sort of mist now, I declare! It'll be easy enough to get through …" With Alice, pure imagination transforms the mirror into a passable border be-tween realities; he who passes through, discovers a parallel universe running backwards, so to speak, in relation to the world on the other side and thus has quite some irritations and shifting realities in store for Alice. (In mirror land, she thus comes upon a checkered landscape in the image of a chessboard grid and discovers a forest where nothing has a name). Similar things happen to viewers of the mirrored surfaces in Tagwerker's sculptures and installations. They must accept the invitation to step through the surface to meet with the objects hidden behind it, otherwise, they will never find out about all there is to it. It is because the mirror hides more than it renders visible - as we have seen, it dissolves the structures, which can only be reconstructed anew beyond the exhibition space. Imagination, however, has no part in this; it is rather the cat's instinctive urge to know that is kindled inside the recipient's mind. What, then, is it that the artist hides behind his DIY-center mirrors and mirror backing foils? Objects that already exist in our universe and whose meanings are easily described: Ikea shelves, a wall, paintings by Piet Mondrian. But in Tagwerker's parallel universe, these ob-jects are subjected to shifts of meaning. The Structure of the System This Ikea shelf, whose simple grid design of clip-together shelving stayed with the artist, will no longer accommodate any books or cups; it's as if the structure would repel anything that could bring the touch of an insensitive hand onto its surfaces. From a formal perspective, we are left with the minimal art "grid" (also reminiscent of architecture) that takes reference to nothing but itself. But we have already stepped behind the mirror, and there, "mirror.grid" transforms the one-time clip-together shelving into a map which structures space in the vein of Al-ice's chessboard. This parallel cosmos is meticulously arranged and mapped; visitors can clearly determine their position but are left without a definition of themselves. Just as in the mirror wood, they have forfeited their names (and along with them their individuality whose construction is shaken once again) and its function as a coordinate of a superior structured system dissolves. Biology and psychology have ceded their reign to mathematics and physics who describe the macrocosm without filling their heads with useless knowledge on the petty details of "human" existence. Behind the mirror-backed foil, desire takes on a form that attempts to transcend the humanly possible, its microscopic view, and transience, that aims to prevail over natural chaos with the help of a perfect plan and an absolute structure - and in this realm, it’s all going to come true. Individual Space The mirror backing foil, too, that Gerold Tagwerker attaches directly to walls, can become "all soft like gauze" and when we pass through, we are in no way trapped in-between the back of the mirror and the wall - the wall has immediately transformed into a "sort of mist." An alchemistic masterpiece: With the simple ingredient of the mirror, the wall is dissolved not only on the aesthetic level, but also within the viewer's personal sphere of imagination. The artist pushes us into an empty mirror cosmos which can freely be modeled and shaped to our will; the wall installations become the counter model of "mirror.grid" insofar as they open up a radically personal space, which is not subject to any external principle and is to be newly invented in the wake of the preceding blows of uncertainty. A further variety of the "casino" emerged in the glass facade of REMISE Bludenz. For his mirror installation "connections," Tagwerker first used the reflecting mate-rial in the context of architecture. Several window segments were covered with mirror backing foil to the effect that a new, arrhythmic structure now marked the facade - the external spaces surrounding the REMISE partially turned up again as opaque objects integrated into the facade's architectural design, while the non-reflecting window segments continued to allow insight into interior spaces. As we are talking about highly reflective sunscreens, the view from inside was colored as it would be from behind sunglasses, but one could nevertheless look out the windows. The artist left the institution's actual exhibition space empty and called this non-installation "a white cube": The much-cited shrine of art presenta-tion thus kept a promise on a very real, three-dimensional level which is also in-herent in the wall installations - a space in which there are no external instruc-tions and where individuals are allowed to remain "undivided" without the neces-sities of consensus or mediation. Idea Without Context Since the 50’s, Piet Mondrian's "art of pure relations" has been sampled, so to speak, in countless manifestations of design and it can hardly be discussed with-out paying heed to this aspect of the history of their reception. In yet another ar-tistic endeavor, Tagwerker seems to aim for the rehabilitation of Mondrian's work, which he must feel close to due to its concept of Concrete Art and proportionality. He reconstructs it both in terms of format and composition in a one-to-one ratio with the help of mirror panels. The "mondrian.mirrors" resulting from this proce-dure are hung at eye-level - not at the height of bathroom mirrors, but of mu-seum exhibits. Their reflective contact surface appears as an opened "fourth wall," integrating the viewer's (cut up) likeness into the composition of color fields as a further "equivalent plastic element." It breaks up the surrounding exhibition space, though. It thus becomes possible to enter into the space of art itself, which cannot exist within the ever contextualizing here and now. In Tagwerker's parallel universe, the air is clear and pure ideas prevail in the realm of pure aesthetics. The subject does not receive the shadows cast by entities in Plato's Cave Alle-gory, it is confronted with the entities themselves who have no names and do not fall apart into signifier and signified. After these experiences behind mirrors are over, one may speculate on the art-ist's desire, the one thing he is able to conceal so well behind materials and aes-thetic references. It seems he is driven by a wish for clear separation of levels of reality, to which special spaces are assigned within the totality of his mirror uni-verse. There, they are allowed to exist as "absolute": The error-free system with-out object, the radical subjectivity without a counterpart, and the pure idea with-out manifestation. The mixing of levels in the world in front of the mirror must make him feel uneasy, and he reacts to it with a philosophical order whose struc-ture implies that the "other" can make no appearance - in his relation to reality and in his counter constructions, which can only count as absolute so long as they refrain from entering into dialogue, the artist remains isolated. Viewers are condemned to remain silent when they return from Tagwerker's land of mirrors. They have encountered an artistic practice, which if carried to its logical extreme, breaks with the commonplace assumption that art is communication. Language of Ambivalence Already French cave paintings show first color areas on a grid of squares that would have delighted Piet Mondrian. One can assume that here, grids exclusively served as a system of arrangement and were not a means of expression in themselves, which is how Concrete Art and above all minimal art discovered and used them. The mirror cosmos of Tagwerker's "mirror.grid" shows the grid to rep-resent a strategy of absolute control, a one hundred percent exact concept that can be continued eternally, to which neither errors nor variance are inherent. In its basic modes, however, it not only stands for a conceptual possibility to ar-range forms but also a representation of a minimum of order itself. Set Patterns and Mirrors If we focus on the element in "mirror.grid" from which its title was derived ("to stay in front of the mirror," so to speak), the first thing that meets the eye is the de-signer's remarkable skill: The three-dimensional boltless grid is both simple and convincing; along with being an aesthetically functional arrangement, it produces stability and infinite expandability. The shelving surfaces, which are usually lined with white or black laminate, were covered with aluminized veneer, thus creating a reflective surface. On a formal level, this operation is also an intervention with the structure of the grid itself. On the one hand, the grid's theoretical possibility of infinite expandability is rendered visible: Each individual reflecting element repro-duces its structure to the far ends of all possible lines of vision, something that amounts to disappearing into the mirror. On the other hand, the order of the grid is called into question on a very real level: Its likeness adheres to the laws of perspective in a different way than the object; in the mirror, variance and distortion take place but they have no place in the concept of the grid. Thus, the endless repetition which has entered the eye of the beholder is put on a level with noth-ingness, and the one-time operational Ikea shelving looses its steadfastness by giving up adhesion to the ground by reflecting and expanding upwards and side-ways into space as a structure growing rampantly in perspective. It becomes clear that the strategy of absolute control needs different materials if it is to suc-ceed; it could otherwise be effective as a strategy for spreading a feeling of uncertainty. Tagwerker’s floor pieces use the arrangement of the grid as a point of departure as well: From simple slats, the artist has built a structure, which also serves as the sculpture's base. On the wooden coordinates he has thus created, the artist then lays perfectly fitting standard sized aluminum mirrors, which subsequently are bent with the help of the slat construction. This is repeated until they hardly reflect anything that would make the space above them recognizable; reflection of light and casting of shadows (drapery is a word that comes to mind) merge into each other so as to create a visual impression that viewers will most likely asso-ciate with paintings. Thus, the grounded system of longitudinal and cross beams once more appears helpless in the face of the possibilities of the mirror which seems to hover above them, telling a tale of forms of perception quite different from the ones the "grid" could lay claim to. Patterns and Light With "cube.cool white," Gerold Tagwerker has resorted to standard ceiling lamps with white acrylic glass covering. Clearly defined, functional source material, which does not counter the three-dimensional cube grid but willingly represents it - so long as no fluorescent tube lights up. It is the material of light that, just as the mirror, generates the ambivalence of the grid: absolute control versus abso-lute irritation. Thus, this work shows a brilliant movement of flashes of light taking shape along the axes, which seems to set the cube rotating - movement is the next aspect able to suspend the control instrument of the grid. Urban Grids Within minimal art, the grid has already been interpreted as a continuation of the ornament; in the context of architecture, this reading has yet to be explored. Gerold Tagwerker's "urban studies" (pictures of high-rise facades), however, ex-plicitly make this point by choosing a perspective overlooking the functionality of the basic architectural grid and setting a focus on its ornamental aspect, which does not serve a purpose beyond the use of form. The artist "was taking snap-shots of the sky" (emulating what countless tourists do); this commonplace, run-of-the-mill view has produced photographs which remain silent on the steadfastness and rootedness of high-rise buildings and instead show them as celestial bodies curved in perspective - but all the while, through this approach these "urban studies," which are not hung on walls but are presented as objects leaning against them, are invested with a strong "grounding" and almost aggressively confront viewers with their more graphic than photographic view that could never take place in the real world. Here, the grid, which actually serves to secure the statics of the building and "meaningful" arrangement, has lost its regularity as well as its role of representing an organizing principle (itself worthy of critical dis-cussion). Tagwerker not only upvalues (the not always excellent) architecture by deliberately showing facade structures only partially and exploring the ornamen-tal potential of the remaining "sculpture" on a two-dimensional level. Thus, he also drives viewers from this architectural urban context by making it impossible for them to enter high-rise buildings by glancing inside, to see themselves in pro-portion to them or even to reconstruct a cartographic context that links the build-ings. Visitors are confined to looking at disconnected ornamental structures, which exist independent of them, governed by laws they cannot formulate. The urban research project "housing/Bregenz" (the artist conducted a similarly specific investigation at Friedrichshafen) illustrated the principles of "urban stud-ies" directly within public spaces: Tagwerker documented the modernistic archi-tecture of the respective city in the familiar manner and installed large-size views of highrise apartment buildings on billboards. Passersby caught unawares were compelled to identify the billboards not only as an artistic contribution but also were faced with a critical description of their own urban surroundings. The spa-tially relocated mirror, as it were, projected an image of anonymous architecture it had captured at another place directly into the city and made it impossible to close one's eyes to the revelation that such concepts of architecture (and society) still, as ever, set the tone of urban reality. Likewise, "nightpieces," which were produced in Chicago and are presented as framed photographs or a slide projection installation, also address the structures of modern high-rise architecture. Here, however, it is not the choice of perspective which suspends the moment of the grid but it is once more light (just as with "cube.cool white”). Only in rare instances will all the windows of a high-rise build-ing light up; the pattern may be accounted for by security concerns or the very real necessity of late-night work hours inside these buildings. In any case, "night-pieces" renders a structural arrangement invisible; not just as a result of the real darkness outside but above all because light shining from individual windows is "superimposed" on the surface of the facade. New structures take shape based on the arbitrary rhythm of interior lighting, behind which viewers can no more discern an order of arrangement than in the half-opened doors of an Advent calen-dar. All they can do is immerse themselves in the big-city feeling of melancholy and loneliness, which assumes community, warmth, and "meaning" to reside be-hind those lit windows - a notion sharply contrasting the "outside" world experi-ence of the streets of metropolises such as Chicago. This frame of mind is inten-sified even more when "nightpieces" is shown as an installation. The monotonous clicking of slide projectors and the viewer´s perception of being "caught," in per-son, in the empty grid of the steel skeleton perhaps can tempt them to cite Rilke's "Panther": "and behind the bars, no world." The manner in which "nightpieces" is presented makes it possible to partake in the melancholy and loneliness which is experienced as either romantic or frightful, depending on one's state of mind. Just as with Rilke, the cage of the steel skeleton turns into a metaphor of psychology: The world and all it has to offer remains "outside," outside of the self, and can only be witnessed from afar. Ever more slides depicting highrise buildings at night enter the viewer's pupil but each of them sinks in, "reaches the heart, and dies” without ever reaching a state of verbal expression. Thus, Gerold Tagwerker's artistic approach to the grid once more evokes speechlessness. The representation of an organizing principle whose syntax is revealed to one and all is faced with opponents time and again (the mirror, light, movement, omissions, and ornament) which not only lever them out but virtually transform them into their own opposites. This "opposite" cannot be put into words; language itself would be rendered powerless in the face of the said an-tagonists and its answer would be speechlessness. Self-Authorization From the Hips Gerold Tagwerker's photographic works, above all, are the product of an attempt to come to grips with modernistic architecture - he is not dealing with the great and successful icons of architecture but with the "average," "typical," "main-stream" designs we are confronted within our urban surroundings every day. Tagwerker's "interiors" show interior views of public (or semi-public) venues the artist has visited in Chicago - the metropolis that embodies the concept of the American city like no other. On account of its history and structure, Chicago stands as the per se American metropolis and is referred to as such in the field of urban research. In the 19th century, America’s obsession with transferring the "aura" of Europe's classical antiquity to its new cities manifested itself here, too, implying that urban prestige buildings (which no longer took the form of cathedrals but of highrise buildings) already at their beginnings were designed to include the imaginary dimension of a future ruin whose grandeur gives evidence of their golden heyday. "Nostalgia for the Future" is the phrase Marco d'Eramo coined in his book "The Pig and the Skyscraper,” and Gerold Tagwerker's architectural photographs also give a sense of this inversed timeline of nostalgia - perhaps because he is able to critically analyze the objects of his images today while future ruins will leave no room either for examination from a distance or individual criticism of petrified manifestations of modernistic concepts. Angles on the Mainstream In selecting the motifs of his pictures, the artist follows his own "attraction," which to him pertains to the period between 1945 and 1975, as opposed to mainstream aesthetics. He sees the mediocrity of forms visible all over the city as represent-ing one more epitome - the longing for a modern society that commands func-tional objects and architecture, with the help of which it will be able to apply a practical structure to life and secure its future survival (including the ruins that go with it). In giving away his own attractedness, the artist also stands in for and displays temptability and manipulability in the face of the promises of such "epitomes," which he overcomes, so to speak, by way of his artistic approach to the objects of his desire and their reformulation into something new (something that could stand as a model for presentday strategies of selfcontemplation of individuals). Accordingly, Tagwerker's photographs of interiors scrutinize the claim of modernistic concepts that spark so much fascination on the aesthetic level (with himself, too) but should be met with a critical attitude when it comes to political and social matters. The staircase inside the library building on the Illinois Institute of Technology campus, the Lobby at Atrium Office Plaza, Henry Ford Centennial Library... all these motifs have one thing in common, namely that they are designed both as prestige buildings and as places which are frequented - at least by certain sec-tions of the population - on a daily basis and must meet demands of functionality; just as architecture "users," in turn, are required to function in accordance with their laws, even if there is no "Quiet Study Area" sign telling them precisely how they are expected to conduct themselves. Apart from that, taking photographs of buildings isn't as easy as it was before September 11th, 2001. The artist, there-fore, is forced to work "undercover" if he wants to explore these interior spaces. In this context, however, Tagwerker does not set out to put architecture in the limelight. Quite to the contrary, his "interiors" precisely do not stand for the staged view of the photographer but are, so to speak, "shot from the hip"; unusual perspectives, which in part appear as collages of several spatial situations, refuse to go along with the dominating gesture of architecture. In its place, attention is focused on the designs of modules of space such as sculptural stairwells or grid-like arrangements of lighting fixtures. Thus, the purported functionality and smoothness of utility rooms turn out to be something that, from one aesthetic platform to the next, proliferates in a rhizome-like fashion - arbitrarily and manipu-lative at the same time. Tagwerker himself goes as far as to call into question whether architecture can ever "function" at all. In the vein of this artistic skepticism, a deeply felt reluctance is formulated about claims as to the development of systems in which humans in general could function and matters concerning social life could be optimally struc-tured and organized. This reluctance is bound to draw on a notion of freedom and individuality which, most likely, must be termed "old European": Gerold Tagwerker places emphasis on his references to US cultural practices of a certain era (such as visual arts, architecture, and design), but in doing so, he is all the time carrying the heritage of European humanism which does comprise the concepts of the self introduced by Descartes and Hegel; he intends to resist all kinds of attempts to take him in, and perceives the freedom of individuals to be the greatest good. Never will we hear Gerold Tagwerker striking a lofty, emotive tone to speculate on the possibili-ties of art, and only in rare instances do we find traces of emotionalism in his work; if we think his work out fully, however, namely its insistence not to relinquish control of the subject, we see shining through an emotionally charged stance on individuality in the best meaning of the expression, which sends to-day's theories of communication and systems theories packing. Just as the artist points to the fact that urban structures and prestigious architecture are still, prac-tically, as ever, marked by modernistic discourse (despite denials from current theoretical approaches), he at the same time counters his argument by asserting that the self is still, as ever, an authority which can move through contemporary urban environments to observe, evaluate, and remain in denial. An Agent as an Alter Ego Agent Lemmy Caution aka Eddie Constantine is an embodiment of this kind of ego. In Jean-Luc Godard's film "Alphaville," he walks and maps the streets of 1960’s Paris, moving through the imagery of a type of urban modernism which bears striking similarity to Tagwerker's view of these shapes. In his video "alphaville/zero2," Tagwerker has sampled and collaged images from the original film so as to let the agent take photographs of Godard's cityscapes, and in turn set up an archive of urban modernism. Thus, the film sequence the artist has edited and looped constructs a narrative layer within his own work: The investigating under-cover agent, who has no clue as to what he is investigating and shoots pictures at random, turns into the artists charming alter ego, acting from necessity without knowing the goal of his mission yet. In this context, it is interesting to note that the founders of the Chicago School of Urban Ethnography saw themselves as "detectives" on a secret mission when they engaged in their sociological field research. From this, it appears that the artist, the investigator, and the scientist are involved in partially identical constructions of identity when drawing up critical accounts of urban phenomena. Within the group of works he calls "interiors," Gerold Tagwerker first and foremost seems occupied with the definition of the contemporary artistic self in confronta-tion with urban, modernistic concepts. Volunteering his own manipulability, he at first remains a flâneur, aimlessly roaming an urban reality which seems to render any "assessment of the subject" impossible. Ultimately, however, he is not an agent of the likes of Lemmy Caution traveling on a secret mission, nor is he an urban researcher commissioned to engage in field research; he is an artist with the capacity to opt for angles of perception, messages, and final products - which involves the act of self-authorization in the best sense: The artistic subject has acquired sufficient stability to consciously allow its own loss of control to take place. It takes the city as a space of confron-tation, it takes sauntering about without purpose, and it takes the accompanying loss of self-awareness. Only in the wake of this experience does the construction of a critical, discerning individuality through artistic production become viable and visible, one that doesn't run the risk of falling prey to ubiquitous simulations. On third sight, Gerold Tagwerker’s artistic practice distinguishes itself by the almost programmatic use of specific means which are generally associated with the exercise of control: Light by which the darkness and all its connotations can be banished; creating rhythm that lets sequences acquire structure and convey meaning; the mirror in front of which, first and foremost, the identity of the self is ascertained; the grid as a perfect organizing principle of forms; perspective which helps a subject decide which point of view is appropriate and "true." Through various aesthetic interventions the artist manages to scrutinize all these instru-ments of control and even to reformulate them in the image of their own oppo-sites. The unease experienced by viewers perceiving his objects leads to reac-tions which cannot be described on the aesthetic level but rather pertain to the fields of psychology, sociology, philosophy, communications science, or linguis-tics. Along these lines, the individual's experience of losing control becomes an intellectual and emotional challenge, which - following the shaking-up of various (sham) commitments - is also capable of provoking joyful reactions. The cause for this being that from Gerold Tagwerker's works, viewers catch a whiff of the scent of freedom, which emanates from the expansion of the possibilities of hu-man perception. This freedom could serve as a starting point for drawing up new strategies of (not merely artistic) individuality constructed beyond fearsome bounds and knowledge, which is no longer verified and has congealed into conventions. Dagrun Hintze - "The Third Sight: Loosing Control as a Strategy”
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Auf den ersten Blick verlangt die Arbeit Gerold Tagwerkers eine Besprechung vor den Formulierungen der Minimal Art, auf die auch der Künstler selbst sich immer wieder bezieht; auf den zweiten Blick entäußert seine Arbeit nicht nur Bestätigung, sondern auch spielerische Verfremdung und Umdeutung derselben (wie es 40 Jahre "danach" gar nicht anders sein könnte), ohne jedoch eine kritische Analyse oder gar Dekonstruktion zu bemühen. Im gegenwärtigen Diskurs der künstlerischen Praxis als Identitätskonstruktion und Erkenntnisproduktion finden die minimalistischen Überzeugungen nur schwer einen Platz; ihre Verweigerung von Narration, Referenz und Aura scheint im gegenwärtigen Wahrnehmungskontext nicht mehr konsequent zu funktionieren, und auch ihr Bruch mit den europäischen Traditionen mutet derzeit fast nostalgisch an. Vor diesem Hintergrund wird ein "dritter Blick" auf Tagwerkers Arbeit möglich, der das Experiment versuchen will, so zu tun, als hätte es die 60er Jahre nie gegeben, und stattdessen eine Annäherung im kulturwissenschaftlichen Sinne vornehmen möchte. Dabei sollen fünf zentrale Aspekte untersucht werden, die zwar durchaus zum minimalistischen Diskurs gehören, jedoch auch jenseits davon Bedeutung produzieren: das Licht, der Rhythmus, der Spiegel, das Raster und die Perspektive. Die Abschaffung des Schattens Trotz aller physikalischen Erkenntniserweiterungen bleibt das Phänomen Licht ein eigentümliches Rätsel. Sein Geheimnis, das heute vor allem in seiner gleichzeitigen Existenz als Teilchen und Welle liegt, beginnt schon in den religiösen Schöpfungsmythen. Im ersten Kapitel der Genesis heißt es zum Beispiel: "Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, daß das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis." Erstaunlicherweise bleibt in dieser Erzählung das Licht zunächst Teil der Finsternis - es co-existiert offensichtlich mit der Dunkelheit - bis Gott es von ihr trennt und bekanntlich dem Tag zuordnet. Vor dieser Trennung gilt jedoch ein Zustand, in dem Licht und Dunkelheit sich nicht ausschließen. Gerold Tagwerker ist nun alles andere als ein creator ex nihilo, schließlich greift er bei seiner Arbeit auf vorgefundenes, industriell gefertigtes Material zurück, das er einer subjektiven Selektion unterzieht. Seine Lichtskulpturen und -installationen besetzen das Licht als kunstfähiges Material, das Tagwerkers formale Konstruktionen nicht nur rhythmisch erleuchtet und so in ihren Einzelteilen lesbar macht, sondern gleichzeitig über ihre konkrete Form hinausweist und den Aspekt des Magischen einführt, der - bei aller physikalischen Nachvollziehbarkeit der Schaltkreise - im Moment des einlassenden Betrachtens passiert. War im Schöpfungsmythos die Scheidung von Tag und Nacht ein Akt der Kontrolle - die Austreibung des vorigen "ambivalenten" Zustands, die Bezeichnung der dualen Prinzipien - führen uns Lichtskulpturen wie "11x58W/133.flash" oder "cube.cool white" zurück in den nicht-kontrollierbaren Raum der friedlichen Co-Existenz von Licht und Dunkel, in den quasi vorsprachlichen Bezirk von angenommenen Gegensätzen, die jedoch unabhängig voneinander bleiben und damit ihre Gegensätzlichkeit verlieren. Denn Gerold Tagwerkers Licht-Material funktioniert nicht in Abhängigkeit zu dem Helligkeitsgrad der Umgebung, es funktioniert je nach Helligkeitsgrad einfach nur anders. Speziell Leuchtstoffröhren aller Art sind aus modernen Städten nicht mehr wegzudenken, sie sind gleichsam zum Zeichen für städtisches Leben überhaupt geworden. Und so finden sich Licht-Installationen wie "13x58W/133.flash" oder "11x58W/840.flash" bevorzugt im öffentlichen Raum (im Kontext von Natur wären sie sinnlos), wo sie Tag und Nacht ihre unterschiedlichen Möglichkeiten vorführen. Sobald Tagwerkers Licht-Arbeiten in architektonischen Innenräumen installiert werden, scheinen sie jene sofort austreiben zu wollen, indem sie ihnen ihre Gültigkeit absprechen: Noch der stärkste Beweis einer Innenraumstruktur wird in solcher Konfrontation zum irritierenden Verweis auf Struktur und Oberfläche eines Außenraums, der immer urban zu deuten ist. Die Installation "10x58W/840.flash-o.p." zum Beispiel, die der Künstler für den Förderverein Aktuelle Kunst in Münster realisierte, besetzte den eigentlichen Ausstellungsraum mit ihren nervös flackernden Neonröhren so konsequent um, daß der Besucher jegliches Gefühl für einen geschützten Raum der Kunst verlor und sich atmosphärisch eher an beklemmende Momente in einer Tiefgarage oder Unterführung erinnert fühlte. Selbstverständlich blieben auch die Beschwerden der Anwohner nicht aus: Durch die nicht abgehängten Fenster drang das Neonlicht nach außen - und in einem Wohnviertel sind solche Verweise auf typische Großstadtorte mit all ihren Konnotationen nicht in die Wahrnehmung zu integrieren und deshalb unerwünscht. Leuchtstoffröhren und Urbanität scheinen einander also beinahe zwangsläufig zu bedingen; kein Wunder, wenn man bedenkt, daß die öffentliche Beleuchtung seit fast dreihundert Jahren ganz konkret die urbanen kulturellen Praktiken beeinflußt. Von der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts an ist die Straßenbeleuchtung in den europäischen Metropolen dokumentiert; so installierten in dieser Zeit zum Beispiel Paris, Berlin und Leipzig Öllampen im großen Stil, was enorme Konsequenzen für das Nachtleben bedeutete. Der Einsatz von Gaslicht als Straßenbeleuchtung (seit 1820) findet seinen Niederschlag sogar in einer ganzen literarischen Gattung, den "gaslight novels": Kriminal- und Schauerromanen, die ihre Spannung aus dem "Dazwischen", dem Halbdunkel und seinen flackernden Schatten beziehen, das durch die neue Beleuchtungsform überhaupt erst geschaffen wurde. Mehr als hundert Jahre später texten Kraftwerk "Neon Licht, schimmerndes Neon Licht / Und wenn die Nacht anbricht / Ist diese Stadt aus Licht" - diese Zeilen scheinen direkt auf Tagwerkers "nightpieces" zu verweisen. In den Aufnahmen von Hochhausfassaden im nächtlichen Chicago hat die Realität von urbaner Architektur ihre Überzeugungskraft verloren; stattdessen treten die Wolkenkratzer dem Betrachter als eigenständige Lichtskulpturen entgegen und erzeugen die Melancholie einer einsamen Großstadterfahrung (die sich der Natur-Erfahrung an die Seite stellt - ein zutiefst romantisches Motiv also, das sich hier aus Bild und Atmosphäre zugleich konstruiert). So wird die Stadt mit ihrer Hochhausarchitektur einerseits durch Innen- und Außenbeleuchtung dem Bewohner nachts überhaupt erst zugänglich gemacht, andererseits gewinnt sie einen neuen (symbolischen) Urzustand von Dunkelheit, der durch zivilisatorische Beleuchtungspraxis nicht aufgehoben, sondern de facto nach-geschaffen, re-konstruiert wird. Anders als bei den Photographien der "nightpieces" bricht Gerold Tagwerker in seinen Licht-Installationen mit dem fast zweihundert Jahre alten (kulturellen) Verständnis einer gegenseitigen Abhängigkeit von städtischem Hell und Dunkel, das - wie bei den "gaslight novels - die urbane Praxis entscheidend geprägt hat und bestimmte "Typen" des Stadtbewohners, die mit dem erstarkenden Bewußtsein von Individualität ausgestattet waren, mitproduzierte. Seine Licht-Arbeiten stellen eben diese Typen und das mit ihnen einhergehende Individualitätskonzept konsequent in Frage, indem sie dem Betrachter (zumindest in dessen Wahrnehmung) nicht nur Beleuchtung sondern vor allem den Schatten verweigern, und zwar den eigenen ebenso wie die "dunkle Stelle", die dem Stadtbewohner seit der Einführung des Gaslichts vertraut ist. Der eigene Schatten ist (ähnlich wie das Spiegelbild) Beweis der eigenen Existenz und Zeichen dafür, daß diese Existenz Konsequenzen hat für den sie umgebenden Raum, den der Schatten markiert. Er beinhaltet also Selbst- und Weltvergewisserung zugleich. Wenn wir Gerold Tagwerkers Licht-Installationen betrachten, sehen wir weder den eigenen noch den Schatten des Anderen - das Licht steht in keiner Referenz zu uns, es steht für sich selbst und für den urbanen Außenraum. In diesem war Beleuchtung eine entscheidende Voraussetzung für die Erfahrung der städtischen Nacht gewesen, die dadurch trotzdem dunkler wurde als die Nacht in der "freien Natur". Das Gaslicht hatte das Flackern in den öffentlichen Raum geholt und so erst den vom Licht nicht getroffenen Raum beschrieben, an dem dunkle Phantasien und Möglichkeiten angreifen können. Wir haben uns diese sich bedingende Dualität, die nur eine Variation der zitierten Dualität aus der Genesis darstellt, längst (kulturell und psychologisch) zu eigen gemacht:"Licht und Schatten muß es geben, soll das Bild vollendet sein...". Mit dem Besitz dieser Poesiealbum-Formulierung sind wir im Besitz von Kontrolle. Gerold Tagwerker hingegen vollendet kein Bild, er raubt uns die gemütliche Denkbarkeit der Dualität und führt uns mit seinen Licht-Installationen vor, daß dieses Prinzip eine Scheinkonstruktion bleibt, die schon im 19. Jahrhundert nur kurzfristig als Erklärungsmodell für urbanes Leben funktionierte. In der Konfrontation mit der gegenwärtigen Stadt, die gemeinhin als nicht lesbare Struktur identifiziert wird, ist dieses Erklärungsmodell zum Scheitern verurteilt. Der Künstler selbst scheint in seiner Auseinandersetzung mit Stadt dazu gekommen zu sein, die diffuse Permanenz von nicht-vertreibbarer und nicht-verstärkbarer "Dunkelheit" zu akzeptieren, die keinen weiteren Schattenwurf mehr benötigt, um Vollständigkeit zu gewinnen. Sein Licht ist zweckfrei und provoziert keine urbane Möglichkeit von Konsum; es spielt keine Rolle, ob es tags oder nachts leuchtet, denn es bezieht sich ausschließlich auf einen städtischen Zustand, der unabhängig vom Helligkeitsgrad fortdauert; und es bedeutet nur sich selbst und die Urbanität, die es zugleich bezeichnet und produziert. Vor diesem Hintergrund wird Tagwerkers künstlerischer Einsatz von Leuchtstoffröhren - frei nach Richard Sennet - zu einer mahnenden Liebeserklärung an die Großstadt selbst, die in die Krise gerät, wenn Maßstäbe des individuell Denk- und Kontrollierbaren auf sie angewandt werden, und die Urbanität zurückgewinnt, wenn ihre Bewohner die Konfrontation mit der Stadt als Kontrollverlust und Herausforderung zulassen können. Der Rhythmus des Zufalls Wer in den 70er- oder frühen 80er-Jahren aufgewachsen ist, erinnert sich vielleicht an ein elektronisches Spielzeug jener Zeit namens "Senso". Senso war ein ufo-ähnliches Objekt, auf dessen kreisförmiger Oberfläche vier erleuchtbare Flächen in den Farben rot, blau, gelb und grün installiert waren. Nach einem Zufallsprinzip gab das Spielzeug eine Farbfolge vor, indem es die vier Flächen in verschiedener Reihenfolge aufleuchten ließ. Die Aufgabe des Spielers war es, die immer länger werdenden Reihenfolgen durch das Drücken der jeweiligen Farbfelder exakt zu reproduzieren. Im Gegensatz zur Wort-Übersetzung des Spielzeugnamens ("Ich fühle") trainierte Senso ausschließlich das visuelle Gedächtnis des Spielers und die Fähigkeit, willkürliche Abfolgen spontan auswendig zu lernen. Die Lust bei erfolgreicher Benutzung ergab sich aus der Erfahrung von Kontrolle über das Gerät, das dem spielenden Subjekt unterlegen blieb. Beim Scheitern an der Reproduktion der Farbfolgen entstand ein frustrierendes Gefühl von Kontrollverlust über die siegreiche Maschine, die dann nur noch durch Zerstörung zu unterwerfen war; was ein Grund dafür sein mag, daß man alte Sensos kaum noch findet. Die (Licht-)Rhythmen in Gerold Tagwerkers Installationen provozieren parallele Erfahrungen, wobei sie - anders als Senso - keine bewußte Interaktion des Betrachters herausfordern. Bei ihrer Programmierung bedient sich der Künstler zweier Prinzipien, dem des Zufalls und dem der Gesetzmäßigkeit; wobei das Prinzip des Zufalls sich weiter unterteilen ließe in die "analytische Zufallsfolge" (Ursprung einer Sequenz ist bekannt, nur die Wirkung ist "zufällig") und die "synthetische Zufallsfolge" (durch "echten" Zufallsgenerator). Determinismus und Zufall In der Arbeit "13x58W/133.flash", die 2003 am Vorplatz der REMISE Bludenz installiert wurde, ist das kurze Aufleuchten der 13 linear angeordneten Leuchtstoffröhren vollständig durchchoreographiert: Für einige Minuten flackern jeweils unterschiedliche Gruppen von zwei bis vier Röhren auf, bis alle Röhren schließlich gleichzeitig angesteuert werden und für einen Moment als geschlossene Reihe erscheinen. Diese Sequenzen werden geloopt und endlos wiederholt - sie entsprechen also einem nachvollziehbaren Plan. Im Gegensatz dazu beginnt das Programm bei "11x58W/133.flash" mit einer einminütigen komponierten Licht-Bewegung um die Achse des Lusters und bricht dann aus in eine 30sekündige Zufallssequenz, in der einzelne Röhren willkürlich angesteuert werden, um dann wieder mit dem choreographierten Part neu zu beginnen. In der "deterministischen" Komposition der erstgenannten Arbeit behält der Künstler die vollständige Kontrolle über das jeweilige momentane Erscheinungsbild seiner Installation. Die Choreographie läßt sich zwar nicht auf den ersten Blick entschlüsseln, prägt sich jedoch nach und nach ein. Tagwerker selbst vergleicht sie mit einer bass-line im Jazz - und dieser explizite Verweis aufs Musikalische ermöglicht vielleicht erst eine Begründung dafür, daß die Betrachtung von "13x58W/133.flash" zu ähnlichen Frustrationen führen kann wie die Beschäftigung mit dem oben beschriebenen Kinderspielzeug: Wer jemals ein Musikinstrument mit Metronom geübt hat, wird sich an die Ohnmacht erinnern, die das ungerührt weitertickende Gerät bei dem musizierenden Menschen auslösen kann. Auf die somit künstlerische wie künstliche, präzise Vorgabe eines gleichmäßigen Beats und identisch wiederholter Abfolgen, besitzt der (den Naturgesetzen unterworfene) Betrachter eigentlich nur zwei Möglichkeiten der Reaktion: Er kann versuchen, als Subjekt die Kontrolle zu behalten, indem er der Perfektion wahrnehmungstechnisch quasi "hinterherläuft", sie im Kopf zu reproduzieren sucht, und in der Regel scheitert. Oder er gibt sich deren Überlegenheit hin und läßt zu, daß immergleiche Lichtfolgen im immergleichen Rhythmus unreflektiert in seinen Bewußtseinszustand eingreifen und das Subjekt kurzfristig verdrängen. Bei Licht-Skulpturen wie "11x58W/133.flash" gibt Gerold Tagwerker - wie oben bereits angesprochen - hingegen dem Zufall Raum, d.h. die Leuchtstoffröhren werden sequenzweise per Zufallsgenerator angesteuert, so daß die Lichtfolgen streckenweise weder für den Betrachter noch für den Künstler selbst zu überschauen oder gar vorherzusagen sind. Aber in der Luster-Arbeit Tagwerkers existiert neben der "synthetischen Zufallsfolge" eben auch die geplante Choreographie. Und hinter dieser Konstruktion aus Freigabe und Beherrschung des Werkes durch den Künstler scheint das philosophische Konzept auf, das besagt, daß man der Realität am ehesten gerecht wird, wenn man ihr eine "Mischung" aus Plan und Willkür, aus Determinismus und Zufall zubilligt. (In diesem Zusammenhang wird provokanterweise eine gewisse Menge an Zufall auch zum Merkmal der Individualität, deren traditionell festgeschriebene Strategien Gerold Tagwerker bereits durch seinen Umgang mit dem Material "Licht" in Frage stellt.) Dabei versucht die Luster-Arbeit nicht, eine Synthese aus Determinismus und Zufall zu behaupten, sondern führt dem Betrachter beide als unterschiedene "Existenzformen" vor, die - ähnlich wie bei Tagwerkers Abschaffung der Beziehung zwischen Licht und Dunkelheit - kein Gegensatzpaar bilden und einander weder ausschließen noch bedingen. Wie könnten sie auch: Ein Plan mag erinnerbar bleiben; der Zufall hat jedoch kein Gedächtnis, er passiert als das immer wieder Neue und Nicht-Notwendige und setzt sich in kein Verhältnis zum Davor oder Danach. Diese Co-Existenz zweier Wirklichkeitsprinzipien erfordert beim Künstler wie beim Betrachter konsequentes Denken (das nicht nach Auflösung von Differenz im harmonisierenden Konsens trachtet) und flexible Annahme des Außen - nicht zugleich, nicht umgekehrt, nicht dadurch bedingt, sondern einfach nur nebeneinander. Analyse und Magie Die Licht-Skulptur "cube.cool white" besetzt den Raum "zwischen" den beiden beschriebenen Arbeiten. Sie funktioniert, wie die Bludenzer Installation, nach einem komponierten Beleuchtungsrhythmus, der sich hier jedoch nicht einprägt und den der Betrachter nicht aufzuschlüsseln vermag - die Wirkung ist also der Zufallssequenz in der Luster-Arbeit vergleichbar. In jedem Fall aber durchläuft derjenige, der sich auf den Würfel einläßt (der in seinem Da-Stehen an Tiefkühltruhen ebenso erinnert wie an Lounge-Möbel aus der Welt Stanley Kubricks), verschiedene "Bewußtseinszustände": Zunächst versucht er analytisch, das "Gesetz" hinter dem rhythmischen Aufleuchten der Würfelflächen zu entdecken, und ertappt sich schnell bei einem Quiz mit sich selbst, das erraten will, wo die nächste Röhre anspringt. Es klappt nie. Aber bevor der Betrachter sich darüber ärgern könnte, passiert der magische Moment, in dem der ganze Cube kurzfristig illuminiert ist - und formal wie substantiell in den Bereich transzendiert, für den wir heute keine Begriffe haben. Wenn man - entgegen aller physikalischen Nachvollziehbarkeit - kurz davor ist, das Wort "Wunder" zu denken, ist das ganze Licht schon wieder aus. Der nirgends erhellte Würfel steht da, als wäre nichts geschehen, als wäre die "andere Sphäre" unmöglich. Dabei hat sie den Betrachter schon erwischt. "Senso" ist in dem Wortsinne eingetreten, den das Spielzeug nie erfüllen konnte. Denn man ist gezwungen "loszulassen" im Angesicht des "cube.cool white", die Ratio zugunsten des spontanen emotionalen Erlebens abzuschalten. Dabei reduziert sich das wahrnehmende Subjekt auf den Blick, der alles annimmt, was das Außen vorgibt, und dieser Blick existiert nicht in der Zeit. So gelingt es dem Künstler auch, das, was wir zunächst formal von seiner Arbeit verstanden zu haben meinen, zu unterlaufen: "cube.cool white" tut nur so, als wäre er eine ästhetisch in den 60er Jahren angesiedelte Skulptur. In seiner Wirkung setzt er hingegen das Zeitempfinden des Betrachters außer Kraft und produziert den Moment als einzige Wahrnehmungsreferenz. In der Erinnerung wird seine Erfahrung zum konzentrierten Tagtraum, der als Melancholie übrigbleiben kann. Darstellung und Simulation Neben der geplanten Komposition, deren Gesetz vom Betrachter entweder entdeckt oder dem Zufall zugeschrieben wird, und dem "echten" Zufallsgenerator existiert noch die Spielart der "analytischen Zufallsfolge", die von Tagwerkers Installation "11x58W/840.flash" variiert wird. Diese Arbeit funktioniert frei nach einer scheinbaren Zufallsprogrammierung, lehnt sich aber an die Bludenzer Version an, indem sie deren Figurationen ineinander verfließen läßt. Der Ingenieur Klaus Köck, der für die Programmierung der Steuerung verantwortlich war, schreibt dazu: "Das flackernde Starten einer Leuchtstoffröhre ist ein nicht voraussagbarer Vorgang. Der Zufall wird nicht dadurch größer, daß etwas zufällig stattfindet, das bereits zufällig ist. Bei der Realisierung von Lichtkunstprojekten steht man als Techniker in der Situation eines Dirigenten, der ein Stück uraufführen soll und nur ein Blatt einer graphischen Notation vor sich hat. Aber bevor das Werk aufgeführt (ausgestellt) werden kann, muß der Ingenieur erst noch einen Teil der Instrumente erfinden und bauen. ... Ich habe keine Zufallssteuerung gebaut, sondern versucht, den Zufall darzustellen." In Köcks Lesart (die ein weiteres Mal Anleihen bei der Musik nimmt) bestimmt nicht die "echte" Zufallsqualität die künstlerische Äußerung, sondern die Stärke der (manipulierten) Zufallswirkung, die der Ingenieur als steigerbar definiert - der Zufall kann "größer" oder "kleiner" erscheinen und in der dargestellten Wirkung sichtbarer werden, als es der echten Zufallsproduktion je möglich wäre. Das Phänomen wird manipulativ so vergrößert, daß der Betrachter sich einer Zufallssimulation gegenübersieht, die stärker ist als die Realität. Der programmierte Licht-Code produziert eine Zufalls-Realität, in der Zeichen und Reales ununterscheidbar verschmolzen sind - Baudrillards "grundlegender kultureller Prozeß der Moderne" läßt grüßen. In Zusammenarbeit mit seinem Programmierer schreibt Gerold Tagwerker dieser Licht-Installation eine Qualität der Verunsicherung ein, die sich ausweiten ließe auf die gegenwärtige Wahrnehmung von Welt überhaupt. Das Sich-ins-Verhältnis-Setzen zur Realität ist aufgehoben, kritisches Urteilsvermögen des Individuums unmöglich; undurchschaubare Kräfte im Hintergrund ziehen die Fäden der Wirklichkeit und lassen sie so erscheinen, wie es ihren Interessen entgegenkommt. Die Verstärkung der Zufallswirkung durch künstlerische Manipulation wird zu einem Eingriff in die Realität, der jedoch beschreibbar bleibt und so kritisch auf all die nicht mehr beschreibbaren Manipulationen verweist, denen wir uns ausgesetzt sehen. Das Schweigen hinter den Spiegeln Ein ständig wiederkehrendes Ausgangsmaterial in Gerold Tagwerkers Arbeit ist der Spiegel (bzw. die Spiegelfolie), der sich in den einzelnen Objekten meist als Kontaktoberfläche dem Betrachter zuwendet. Dabei reflektiert er sowohl den das Kunstwerk umgebenden Raum als auch den Betrachter selbst, allerdings nicht als vollständiges Spiegel-Bild, sondern durch die Vorgabe der den Flächenstrukturen immer innewohnenden Lücken gleichsam "dekonstruiert", in Einzelteilen. Insofern entfällt die allererste kulturhistorische Lesart des Spiegelmotivs als Verweis auf Narziß, denn jener benötigt den kompletten, ungebrochenen Blick auf sich selbst, um vom eigenen Spiegelbild gebannt zu sein, das fortan (wie der Schatten) der Selbstvergewisserung dient. Lewis Carrol’s Alice hingegen hatte mit solchem Identitätsdiskurs nichts zu schaffen und vermag den Interpreten des Tagwerkerschen Spiegelthemas an die Hand zu nehmen, indem sie das verwirklicht, was jede Katze im Angesicht des eigenen Spiegelbildes versucht - hinter den Spiegel zu kommen. In "Alice hinter den Spiegeln" (1872) heißt es: "Lass‘ uns mal so tun, als ob die Spiegelscheibe lose wie Gaze wird und uns durchläßt. Guck‘ mal, sie verwandelt sich jetzt in richtigen Nebel! Durch den kann man ohne weiteres schlüpfen!" Durch reine Vorstellungskraft wird Alice der Spiegel zur passierbaren Grenze zwischen den Realitäten; wer hindurchgeht, entdeckt ein Paralleluniversum, das quasi spiegelverkehrt zu dem auf der anderen Seite funktioniert und deshalb einiges an Irritationen und "Ver-rückungen" zu bieten hat. (So findet Alice im Spiegelland die Landschaft als Schachbrett gerastert vor und entdeckt den Wald, in dem nichts einen Namen besitzt.) Vergleichbares geht mit dem Betrachter in der Konfrontation mit den Spiegeloberflächen in Tagwerkers Skulpturen und Installationen vor. Er muß die Einladung, durch die Oberfläche zu treten und den dahinter versteckten Objekten zu begegnen, annehmen, sonst erfährt er nicht alles. Denn der Spiegel verbirgt mehr als er sichtbar macht - er löst eben die Strukturen auf, die erst jenseits des Ausstellungsraums wieder neu konstruiert werden können. Die Vorstellungskraft spielt hier jedoch keine Rolle; viel mehr wird im Rezipienten das instinktive Wissen-Wollen der Katze mobilisiert. Was ist es also, das der Künstler hinter seinen Baumarktspiegeln und –folien versteckt? Gegenstände, die in unserem Universum bereits existieren und deren Sinn beschrieben werden kann: Ein Ikea-Regal, eine Wand, Bilder des Malers Piet Mondrian. Aber in Tagwerkers Parallel-Universum scheinen diese Gegenstände Bedeutungsverschiebungen zu unterliegen. Die Struktur des Systems Im Ikea-Regal, das den Künstler durch die Einfachheit seines Steckrasters beeindruckte, wird kein Buch und keine Tasse mehr stehen; es ist, als würde die Struktur jedes Ding abstoßen, das eine unsensible Hand auf ihre Fläche setzte. Formal bleibt das (auch an Architektur gemahnende) "grid" der Minimal Art, das auf nichts verweist als auf sich selbst. Aber wir sind schon hinter den Spiegel getreten, und dort wird uns in "mirror.grid" das ehemalige Steckraster zur Landkarte, das wie Alices Schachbrett den Raum strukturiert. Dieser Parallel-Kosmos ist akribisch geordnet und kartographiert, der Besucher kann seine Position eindeutig bestimmen, bloß sich selbst nicht mehr. Wie im Spiegelland-Wald ist er seines Namens (und damit seiner Individualität, deren Konstruktion hier erneut erschüttert wird) verlustig gegangen und löst sich als Koordinate auf in einem übermächtig strukturierten System. Biologie und Psychologie haben die Herrschaft abgegeben an Mathematik und Physik, und diese beschreiben den Makrokosmos, ohne sich mit kleinlichen "menschlichen" Belangen zu belasten. Hinter der Spiegelfolie bekommt die Sehnsucht eine Form, die über Menschenmögliches, dessen mikroskopischen Blick und Vergänglichkeit, hinauswachsen will, die das natürliche Chaos mit Hilfe des perfekten Plans und der absoluten Struktur zu besiegen trachtet - und dort gelingt es sogar. Der individuelle Raum Auch die Spiegelfolien, die Gerold Tagwerker als Installationen direkt auf die Wand bringt, können "lose wie Gaze" werden. Und wenn wir sie durchschreiten, sind wir keineswegs eingeklemmt zwischen Spiegelrückseite und Wand - die Wand hat sich gleich mit in "richtigen Nebel" verwandelt. Ein alchemistisches Meisterstück: Durch die einfache Zutat des Spiegels wird nicht nur ästhetisch die Wand aufgelöst, sondern auch in der persönlichen Imagination des Betrachters. Der Künstler schubst ihn in einen leeren Spiegel-Kosmos, der gestaltet werden könnte; die Wand-Arbeiten werden zum Gegenmodell von "mirror.grid", insofern sie den radikal individuellen Raum eröffnen, der keinem äußeren Prinzip unterstellt und nach den vorausgegangenen Verunsicherungen erst neu zu erfinden ist. Eine erweiterte Spielart der "casinos" entstand an der Glasfassade der REMISE Bludenz: Für die Spiegelarbeit "connections" benutzte Tagwerker das reflektierende Material zum ersten Mal im Kontext von Architektur. Mehrere Fenstersegmente wurden mit Spiegelfolie überzogen, so daß eine unrhythmische Gliederung die Fassade neu prägte - der die REMISE umgebende Außenraum fand sich ausschnittweise als "undurchsichtiger" Gegenstand der Fassadenarchitektur selbst wieder, während die nicht-verspiegelten Fenstersegmente weiterhin den Einblick in den Innenraum erlaubten. Da es sich um eine hochreflektierende Sonnenschutzfolie handelte, war der Ausblick von innen nach außen weiterhin gegeben - eingefärbt, wie durch die Gläser einer Sonnenbrille. Den eigentlichen Ausstellungsraum der Institution ließ der Künstler leer und nannte diese Nicht-Intervention "a white cube": Das vielzitierte Präsentationsheiligtum der Kunst hielt so ganz konkret und dreidimensional das Versprechen, das auch den Wandarbeiten innewohnt - einen Raum ohne jegliche äußere Vorgabe, in dem das Individuum ohne Notwendigkeit von Konsens und Vermittlung "ungeteilt" bleiben darf. Die reine Idee Piet Mondrians "Kunst der reinen Verhältnisse" ist seit den 50er Jahren in unzähligen Erscheinungsformen von Design quasi gesampelt worden und kaum noch ohne den Hintergrund dieser Rezeptionsgeschichte zu besprechen. Tagwerker scheint in einer weiteren künstlerischen Erscheinungsform die Arbeit Mondrians rehabilitieren zu wollen, die ihm in ihrem Konzept von konkreter Kunst und Verhältnismäßigkeit nahe sein muß. Er rekonstruiert sie in Format und Komposition eins zu eins anhand von Spiegelfeldern und hängt die so entstandenen "mondrian.mirrors" in der Augenhöhe, die man nicht vom Badezimmerspiegel sondern aus dem Museum kennt. Ihre reflektierende Kontaktoberfläche erscheint als geöffnete "vierte Wand", die das (gestückelte) Abbild des Betrachters als weiteres "äquivalentes plastisches Mittel" in die Farbfeldkompositionen integriert, den sie umgebenden Präsentationsraum jedoch Nach diesen Erfahrungen hinter den Spiegeln mag man spekulieren über die Sehnsucht des Künstlers, die er so gut hinter Material und ästhetischen Verweisen zu verbergen versteht. Es scheint ihn ein Wunsch nach eindeutiger Trennung von Realitätsschichten umzutreiben, die in der Gesamtheit seines Spiegel-Universums eigene Räume zugewiesen bekommen, in denen sie "absolut" existieren dürfen: Das fehlerlose System ohne Gegenstand, die radikale Subjektivität ohne Gegenüber und die reine Idee ohne Manifestation. Die Vermischung der Ebenen in der Welt vor dem Spiegel muß ihm Unwohlsein erzeugen, auf das er mit einer philosophischen Ordnung reagiert, deren Struktur zufolge der "Andere" nicht vorkommen kann - der Künstler bleibt einsam in seinem Verhältnis zur Wirklichkeit und in seinen Gegenkonstruktionen, die nur absolut bleiben können, wenn sie sich keinem Dialog zur Verfügung stellen. Der Betrachter ist zum Schweigen verurteilt, wenn er aus Tagwerkers Spiegelland zurückkehrt. Und hat eine künstlerische Praxis erfahren, die in der letzten Konsequenz mit dem Allgemeinplatz bricht, daß Kunst Kommunikation wäre. Die Sprache der Ambivalenz Bereits in der französischen Höhlenmalerei finden sich erste Farbflächen auf einem Quadratraster, an dem Piet Mondrian seine Freude gehabt hätte. Man kann vermuten, daß das Raster dort ausschließliches Ordnungsprinzip und noch kein Ausdrucksmittel gewesen ist, als das es dann von der Konkreten Kunst und vor allem der Minimal Art entdeckt und benutzt wurde. Wie im Spiegel-Kosmos von Tagwerkers "mirror.grid" erfahren, repräsentiert das Raster eine Strategie der absoluten Kontrolle, ein 100%ig genaues, bis in die Unendlichkeit fortführbares Konzept, dem weder Fehler noch Abweichungen innewohnen. Dabei bedeutet es in seinen Grundtypen nicht nur die konzeptionelle Möglichkeit, Formen zu ordnen, sondern auch die Darstellung von einem Minimum an Ordnung selbst. Raster und Spiegel Wenn wir bei "mirror.grid" den Fokus auf den Umgang mit dem titelgebenden Raster lenken (sozusagen "vor dem Spiegel" bleiben), ist zunächst die Fähigkeit der Designer eine bemerkenswerte gewesen: Das dreidimensionale Steckraster ist so simpel wie schlagend; als ästhetisch-funktionales Ordnungssystem produziert es Standfestigkeit und unendliche Erweiterungsmöglichkeit gleich mit. Gerold Tagwerker hat die Flächen des Steckrasters, die üblicherweise mit weißem oder schwarzem Laminat kaschiert sind, mit aluminiumbeschichtetem Furnier versehen und ihnen so zu einer spiegelnden Oberfläche verholfen. Auf der formalen Ebene wird dieser Eingriff zur Intervention in die Struktur des Rasters selbst. Zum einen bekommt die theoretische Möglichkeit des Rasters in seiner unendlichen Fortführung eine sichtbare Gestalt: Die reflektierenden Einzelformen reproduzieren ihre Struktur jeweils bis ans Ende aller möglichen Blickrichtungen, was einem Verschwinden im Spiegel gleichkommt. Zum anderen wird die Rasterordnung konkret in Frage gestellt: Das Abbild ist den Gesetzen der Perspektive anders unterworfen als das Objekt; im Spiegel finden Abweichungen und Verzerrungen statt, die im Konzept des "grid" keinen Platz haben. So setzt sich in der Wahrnehmung des Betrachters die realisierte unendliche Fortführung mit dem Nichts gleich, und das ehemals funktionierende Ikea-Regal verliert seine Standfestigkeit, in dem es unten spiegelnd seine Bodenhaftung aufkündigt und sich nach oben und zu den Seiten als perspektivisch-wuchernde Struktur in den Raum ausbreitet. Die Strategie der absoluten Kontrolle benötigt also anderes Material, wenn sie sich durchsetzen will; sie kann sonst schnell als Strategie der Verunsicherung greifen. Auch Tagwerkers "Bodenstücke" benutzen das ordnende Raster als Ausgangspunkt: Aus einfachen Latten baut der Künstler eine Struktur, die der Skulptur gleichzeitig als Sockel dient. Auf die so geschaffenen Koordinaten aus Holz legt er paßgenau Aluminiumspiegel im Industrieformat, die dann jedoch mit Hilfe der Lattenkonstruktion verbogen werden. So lange, bis sie kaum noch etwas wiedergeben, das den Raum über ihnen konkret nachvollziehbar machte; Lichtreflexe und Schatten- (besser: Falten-)Wurf verschwimmen zu einem visuellen Eindruck, den der Betrachter noch am ehesten mit Malerei assoziiert. So bleibt das geerdete System aus Längs- und Querbalken ein weiteres Mal hilflos den Möglichkeiten des Spiegels ausgeliefert, der darüber zu schweben und von anderen Formen der Wahrnehmung zu erzählen scheint als denen, die das "grid" für sich reklamieren könnte. Raster und Licht In "cube.cool white" hat Gerold Tagwerker auf handelsübliche Deckenleuchten mit weißer Acrylglasabdeckung zurückgegriffen. Klar definiertes, funktionales Ausgangsmaterial, das der dreidimensionalen Würfelrasterung nicht widerspricht, sondern sie willig repräsentiert - solange keine Leuchtstoffröhre zündet. Denn auch das Material Licht bringt, wie der Spiegel, die Ambivalenz des Rasters hervor: Absolute Kontrolle versus absolute Irritation. So entsteht in dieser Arbeit zum Beispiel eine blinkend aufblitzende Lichtbewegung entlang der Achsen, die den Würfel scheinbar zum Rotieren bringt - Bewegung ist der nächste Aspekt, der das Kontrollinstrument grid außer Kraft setzen kann. Urbane Raster Das Raster ist in seiner Präsenz innerhalb der Minimal Art bereits als Fortführung des Ornaments gedeutet worden; im Kontext von Architektur steht diese Lesart noch aus. Gerold Tagwerkers "urban studies" (Fassadenaufnahmen von Hochhäusern) weisen jedoch explizit darauf hin, indem sie eine Perspektive wählen, die die Funktionalität der architektonischen Grundraster vernachlässigt und das Ornamentale in den Vordergrund stellt, das - jenseits der Formensprache - keinen Zweck erfüllt. Der Künstler hat "in den Himmel geknipst" (und es damit zahllosen Touristen gleichgetan); aus dem alltäglich-banalen Blick sind Photographien entstanden, die sich über die Standfestigkeit und Bodenhaftung der Hochhäuser ausschweigen und diese stattdessen als perspektivisch gebogene Himmels-Körper zeigen - wobei die "urban studies", die nicht an die Wand gehängt sondern als daran lehnende Objekte präsentiert werden, durch diese Vorgehensweise eine starke "Erdung" erfahren und den Betrachter fast aggressiv mit ihrer eher graphischen als photographierten Sicht konfrontieren, die so in der Wirklichkeit niemals stattfinden könnte. Das eigentlich der Statik und der "sinnvollen" Ordnung dienende Raster hat hier seine Regelmäßigkeit und auch die (kritisch zu besprechende) Darstellung reiner Ordnungsprinzipien verloren. Tagwerker wertet die (nicht immer geglückte) Architektur auf, indem er die Fassadenaufteilung bewußt unvollständig zeigt und die verbleibende "Skulptur" in der Zweidimensionalität auf ihr ornamentales Potential untersucht. So vertreibt er auch den Betrachter aus dem architektonisch-urbanen Zusammenhang, indem es jenem unmöglich gemacht wird, per Blick in die Hochhäuser einzutreten, sich zu ihnen ins Verhältnis zu setzen oder gar den kartographischen Kontext zu rekonstruieren, den die Gebäude gemeinsam beschreiben. Ihm bleibt die Ansicht von nicht-zusammenhängenden ornamentalen Strukturen, die ohne ihn existieren, nach einem Gesetz, das er nicht mehr formulieren kann. Das urbane Recherche-Projekt "housing/Bregenz" (eine ähnliche spezifische Recherche nahm der Künstler auch in Friedrichshafen vor) veranschaulichte die Prinzipien der "urban studies" gleich im öffentlichen Raum: Tagwerker dokumentierte die modernistische Architektur der jeweiligen Stadt in bekannter Manier und installierte die Ansichten von Wohnhochhäusern im Großformat auf Plakatwände. Der unvorbereitete Passant mußte die Billboards nicht nur als künstlerischen Beitrag identifizieren, sondern sah sich darüber hinaus mit einer kritischen Beschreibung seines eigenen städtischen Umfelds konfrontiert. Ein gleichsam raumversetzter Spiegel warf das woanders aufgefangene Bild der anonymen Architektur direkt in die Stadt hinein und machte es unmöglich, den Blick davon abzuwenden, wie solche Architektur- (und Gesellschafts-) Konzepte nach wie vor städtische Realität prägen. Auch die "nightpieces", die in Chicago entstanden sind und als gerahmte Photographien oder installative Dia-Projektion präsentiert werden, widmen sich den Strukturen der modernistischen Hochhausarchitektur. Hier ist es allerdings nicht die Wahl der Perspektive, die das Moment des grid außer Kraft setzt, sondern ein weiteres Mal (wie schon bei "cube.cool white) das Licht. Nur selten werden in der großstädtischen Nacht alle Fenster eines Wolkenkratzers erleuchtet sein; die Auswahl mag abhängen von Sicherheitsbedenken oder - ganz konkret - von notwendiger Nachtarbeit in den Gebäuden. In jedem Fall lassen die "nightpieces" eine architektonische Ordnungsstruktur unsichtbar werden; nicht nur wegen der realen Dunkelheit, sondern vor allem, weil das Licht aus den einzelnen Fenstern die Fassadenoberfläche gleichsam "überlagert". Neue Strukturen entstehen durch den willkürlichen Rhythmus der Innenbeleuchtung, hinter denen der Betrachter ebensowenig ein ordnendes Gesetz entdecken kann wie hinter den Türen eines halbgeöffneten Adventskalenders. Er kann sich nur hineinfallen lassen in das melancholisch-einsame Großstadtgefühl, das hinter den erleuchteten Fenstern Gemeinschaft, Wärme und "Sinn" vermutet - Dinge, die im Widerspruch stehen zu dem, was "draußen", auf den Straßen einer Metropole wie Chicago, erfahren werden kann. Diese Gemütsverfassung wird noch verstärkt, wenn die "nightpieces" als Installation gezeigt werden. Das monotone Klicken der Dia-Projektoren und das persönliche "Gefangensein" des Betrachters im leeren Raster des Stahlskeletts können unter Umständen dazu verführen, Rilkes "Panther" zu zitieren: "und hinter tausend Stäben keine Welt". Diese Präsentationsform der "nightpieces" ermöglicht Gerold Tagwerkers künstlerischer Umgang mit dem grid evoziert also ein weiteres Mal Sprachlosigkeit. Die Repräsentation des perfekten Ordnungsprinzips, dessen einfache Syntax sich jedem erschließt, wird immer wieder mit Gegenspielern konfrontiert (dem Spiegel, dem Licht, der Bewegung, der Auslassung und dem Ornament), die es nicht nur aushebeln sondern geradezu ins Gegenteil verkehren. Dieses "Gegenteil" ist nicht formulierbar; die Sprache selbst wäre machtlos gegen die genannten Gegenspieler und würde mit Sprachlosigkeit antworten. Ich-Ermächtigung aus der Hüfte In Gerold Tagwerkers photographischer Arbeit findet vor allem eine Auseinandersetzung mit modernistischer Architektur statt, die nicht die "groß geglückten" Architekturikonen behandelt, sondern das "Durchschnittliche" und "Typische", den "mainstream", dem wir uns im urbanen Kontext täglich und überall auf der Welt ausgesetzt sehen. Tagwerkers "interiors" zeigen Innenraumansichten von Schauplätzen öffentlicher (oder halböffentlicher) Räume, die der Künstler vor allem in Chicago aufgesucht hat - in der Metropole also, die wie keine andere den US-amerikanischen "Inbegriff" der Stadt verkörpert. Aufgrund seiner Geschichte und urbanen Struktur gilt Chicago als die amerikanische Großstadt schlechthin und wird in der Stadtforschung auch als solche besprochen. Im 19. Jahrhundert manifestiert sich auch dort die amerikanische Obsession, die "Aura" der europäischen Antike auf die neuen Städte zu übertragen, so dass die urbane Repräsentationsarchitektur (die sich nicht mehr in Kathedralen sondern in Wolkenkratzern ausdrückt) schon in ihrem Entstehen auch mit der Dimension der zukünftigen Ruine, die großartig von einer Blütezeit zeugt, imaginiert wird. "Nostalgia for the Future", Nostalgie gegenüber der Zukunft, nennt das Marco d’Eramo in seinem Chicago-Buch "The Pig and the Skyscraper", und ein Hauch von dieser zeitverkehrten Nostalgie scheint auch über den Architekturphotographien Gerold Tagwerkers zu liegen - vielleicht weil er sich heute mit seinen Bildgegenständen zwar kritisch auseinandersetzen kann, aber deren zukünftige Ruinen keinen Spielraum mehr lassen werden für distanzierte Hinterfragung oder individuelle Kritik an den steingewordenen Manifestationen modernistischer Konzepte. Perspektiven auf den mainstream Bei der Auswahl seiner Bildmotive folgt der Künstler der "persönlichen Attraktion" gegenüber einer mainstream-Ästhetik, die er zeitlich von 1945 bis 1975 faßt. Die durchschnittlichen und überall verfügbaren Formen repräsentieren ihm einen weiteren "Inbegriff" - der Sehnsucht nach einer "modernen" Gesellschaft, die im Besitz von funktionalen Gegenständen und funktionaler Architektur ist, mit deren Hilfe sie ihr Leben pragmatisch strukturieren und ihr Überleben in der Zukunft (mit den dazugehörigen Ruinen) sichern kann. In der Preisgabe seiner persönlichen Attraktion stellt der Künstler stellvertretend also auch die eigene Verführbarkeit und Manipulierbarkeit durch solche "Inbegriff"-Verheißungen zur Verfügung, die er gleichsam erst durch die künstlerische Beschäftigung mit den Objekten seines "Begehrens" und deren Umformulierung in etwas Neues überwindet (was möglicherweise Vorbildcharakter hätte für heutige Strategien individueller Selbstreflexion). In den Photographien der "interiors" hinterfragt Tagwerker dementsprechend eben die Behauptungen modernistischer Konzepte, die ästhetisch (auch bei ihm persönlich) solche Faszination auslösen, politisch-gesellschaftlich gesprochen jedoch kritisch zu betrachten sind. Das Treppenhaus der Bibliothek auf dem Campus des Illinois Institute of Technology, die Lobby des Atrium Office Plaza, die Henry Ford Centennial Library.... allen solchen Motiven ist gemein, dass es sich ebenso um Repräsentationsarchitektur handelt wie um Orte, die - zumindest von einer bestimmten "Schicht" - alltäglich frequentiert werden und einem Anspruch an Funktionalität genügen müssen; so wie die Architektur-"Benutzer" wiederum auch nach deren Gesetzen zu funktionieren haben, selbst wenn kein "Quiet Study Area"-Schild ihnen sagt, wie genau sie sich verhalten sollen. In allen Gebäuden ist es außerdem seit dem 11. September 2001 nicht mehr so einfach zu photographieren. Der Künstler muss also "undercover" arbeiten, wenn er sich mit diesen Innenräumen beschäftigen will. Dabei geht es ihm nicht darum, die Architektur in Szene zu setzen, im Gegenteil: Tagwerkers "interiors" stehen gerade nicht für den inszenierten Blick des Photographen, sondern sind gleichsam "aus der Hüfte geschossen"; ungewöhnliche Perspektiven, die teilweise wie Collagen aus mehreren Raumsituationen wirken, verweigern sich der eigentlich dominanten Geste der Architektur. Stattdessen treten skulpturale Treppenaufgänge oder grid-artig angeordnete Beleuchtungskörper als designte Raum-Module in den Focus der Wahrnehmung. So wird die scheinbare Funktionalität und Glätte der Gebrauchsräume entlarvt als etwas, das - von einer ästhetischen Plattform zur nächsten - beinahe rhizomartig vor sich hinwuchert, beliebig und manipulativ zugleich. Tagwerker selbst geht soweit, in Frage zu stellen, ob Architektur überhaupt jemals "funktionieren" kann. In dieser künstlerischen Skepsis formuliert sich ein tiefer Widerwillen gegenüber Setzungen, die behaupten, man könnte Systeme schaffen, in denen Menschen im Allgemeinen funktionierten und in denen gesellschaftliches Leben optimal strukturiert und organisiert wäre. Dieser Widerwillen muss sich aus einem Freiheits- und Individualitätsbegriff speisen, der vermutlich "alt-europäisch" zu deuten ist: Gerold Tagwerker bezieht sich zwar sehr stark auf US-amerikanische kulturelle Praktiken (wie Bildende Kunst, Architektur, Design) einer bestimmten Zeit, trägt aber dabei naturgemäß das Erbe des humanistisch geprägten Europäers, das eben auch Ich-Konzepte von Descartes und Hegel enthält, Vereinnahmungen jeglicher Art widerstehen will und die Freiheit des Individuums als höchstes Gut betrachtet. Niemals wird man Gerold Tagwerker pathetisch über die Möglichkeiten von Kunst spekulieren hören, und nur ganz selten sind "Pathos-Spuren" in seinen Arbeiten auszumachen; in der letzten Konsequenz seiner Arbeit, nämlich im Bestehen auf der Nichverfügbarmachung des Subjekts, scheint jedoch ein Individualitätspathos im besten Sinne durch, das heutige Kommunikations- und Systemtheorien mit größtem Vergnügen zum Teufel schickt. So wie der Künstler aufzeigt, dass urbane Strukturen und Repräsentations-Architekturen praktisch nach wie vor vom modernistischen Diskurs geprägt werden (auch wenn heutige theoretische Ansätze dem widersprechen), setzt er gleichzeitig dagegen, dass das Ich nach wie vor eine Instanz ist, die sich beobachtend, wertend und auch verweigernd durch eine gegenwärtige städtische Realität bewegen kann. Ein Agent als Alter Ego Ein eben solches Ich verkörpert der Agent Lemmy Caution alias Eddie Constantine, der in Jean-Luc Godards Film "Alphaville" zu Fuß das (allerdings kaum identifizierbare) Paris der 60er Jahre "kartiert" und sich durch Bilder eines urbanen Modernismus bewegt, die Tagwerkers Blick auf jene Formen verblüffend ähneln. Tagwerker hat in seiner Videoarbeit "alphaville/zero2" Originalbilder des Films so gesampelt und collagiert, daß der Agent nun diese Godard´schen Stadtansichten photographiert und seinerseits eine Art Archiv des urbanen Modernismus anlegt. So konstruiert die vom Künstler geschnittene und geloopte Film-Sequenz einen narrativen Layer innerhalb seiner eigenen Arbeit: Der undercover recherchierende Agent, der nicht weiß, was es eigentlich zu recherchieren gilt und deshalb wahllos photographiert, wird zum charmanten Alter Ego des Künstlers selbst, der aus einer Notwendigkeit heraus handelt, ohne sein eigentliches Ziel schon zu kennen. Interessant erscheint in diesem Zusammenhang, dass sich auch die Begründer der Chicago School der Stadtethnographie bei ihrer soziologischen Feldforschung als "Detektive" in heimlicher Mission begriffen haben, so dass der Künstler, der Ermittler und der Wissenschaftler in der kritischen Beschreibung von urbanen Phänomenen offenbar eine teilweise deckungsgleiche Identitätskonstruktion vornehmen. Gerold Tagwerker scheint im Werkkomplex seiner "interiors" vornehmlich an der Definition des zeitgenössischen künstlerischen Ichs in der Konfrontation mit urbanen, modernistischen Konzepten zu arbeiten. Die eigene Manipulierbarkeit zur Verfügung stellend, bleibt er zunächst zielloser Flaneur in einer städtischen Realität, die ein "Subjekt-Empfinden" unmöglich zu machen trachtet. Aber er ist eben kein Agent in geheimer Mission wie Lemmy Caution oder ein Stadtforscher mit Feldforschungsauftrag; er ist ein Künstler, der sich für Blickwinkel, Aussage und Endprodukt zu entscheiden vermag - wodurch eine Ich-Ermächtigung im besten Sinne stattfindet: Das künstlerische Subjekt ist gefestigt genug, um den eigenen Kontrollverlust vor dem modernistischen Ausschnitt einer Großstadt bewußt zuzulassen. Es benötigt die Stadt als Raum der Auseinandersetzung, es benötigt das zweckfreie Flanieren und den damit einhergehenden Selbstverlust. Erst nach dieser Erfahrung wird in der konkreten künstlerischen Produktion die Konstruktion einer kritischen und urteilsfähigen Individualität möglich und sichtbar, die nicht Gefahr läuft, allgegenwärtigen Simulationen anheim zu fallen. Auf den dritten Blick also zeichnet sich die künstlerische Praxis Gerold Tagwerkers dadurch aus, daß sie sich - fast programmatisch - spezifischer Mittel bedient, die im allgemeinen Bewußtsein für die Ausübung von Kontrolle stehen: Das Licht, durch das die Dunkelheit mit all ihren Konnotationen gebannt werden kann; die Rhythmisierung, durch die Reihenfolgen Struktur und Aussage gewinnen; der Spiegel, vor dem zuallererst Selbstvergewisserung stattfindet; das Raster als perfektes Ordnungsprinzip für Formen; die Perspektive, mit deren Hilfe das Subjekt entscheidet, welcher Blickwinkel angemessen und "wahr" ist. Über verschiedene ästhetische Interventionen gelingt es dem Künstler, all diese Kontrollmittel in Frage zu stellen und sie sogar in ihr Gegenteil umzuformulieren. Die verunsicherte Wahrnehmung des Betrachters führt zu Reaktionen, die nicht innerhalb der Ästhetik zu beschreiben sind, sondern eher in den Feldern Psychologie, Soziologie, Philosophie, Kommunikationswissenschaft oder Sprachtheorie aufgefangen werden können. Dadurch wird der erlebte Kontrollverlust des Individuums zu einer intellektuellen wie emotionalen Herausforderung, die - nach der Erschütterung zahlreicher (Schein-) Festlegungen - auch lustvolle Reaktionen zu provozieren vermag. Denn vor den Arbeiten Gerold Tagwerkers gerät dem Betrachter ein Geruch von Freiheit in die Nase, der sich aus der Erweiterung menschlicher Wahrnehmungsmöglichkeiten speist. Diese Freiheit wäre ein Ausgangspunkt für den Entwurf neuer Strategien von (nicht nur künstlerischer) Individualität, die sich jenseits ängstlicher Grenzen und zu Konventionen geronnenen, nicht mehr überprüften Wissens konstruieren könnten. Dagrun Hintze - „Der dritte Blick - Kontrollverlust als Strategie",
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Ein Gespräch mit Romana Schuler, Rainer Fuchs, Friedrich Achleitner, Wolfgang Kos, Gerold Tagwerker, Harald Welzer Schuler: Als Vorbereitung für dieses Gespräch habe ich in
Texten über Minimal Art nachgelesen und bin auf ein Zitat gestoßen,
das Donald Judd in den achtziger Jahren bei einem Vortrag über
Kunst und Architektur verwendet hat. Er zitierte Ludwig Wittgenstein,
der meinte: ›Es ist schwer am Anfang anzufangen und nicht zu versuchen,
noch weiter zurückzugehen.‹ Man könnte dieses Zitat
auch an den Anfang dieser Gesprächsrunde stellen. Wenn wir nun
in der Minimal Art der sechziger Jahre einen Bezug zu dieser Ausstellung
hier sehen, wie es der Titel des Gesprächs provoziert und so einen
historischen Kontext zu Gerold Tagwerkers Arbeit herstellen, sollten
wir vielleicht diese Zeit zu beleuchten versuchen und sie den neunziger
Jahren gegenüberstellen.
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A conversation with Romana Schuler, Rainer Fuchs, Friedrich Achleitner,
Wolfgang Kos, Gerold Tagwerker, Harald Welzer
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top Gerold Tagwerker bedient sich der Architekturfotografie und verwendet
industrielle Grundmaterialien für seine Skulpturen um rasterförmige
Monumentalitäten modernistischen Prägung zu unterwandern.
Montiert auf einer hölzernen Konstruktion platziert er große,
gewellt verbogene Spiegelflächen so auf dem Boden, dass sich seine
fotografierten Architekturen erschreckend zerschmolzen und chaotisch
auf ihren Oberflächen widerspiegeln. Wenn der Betrachter sich darüber
beugt, kann er sich selbst inmitten einer seltsam gestörten Ordnung
sehen. Diese unmittelbare Erfahrung sich in einem solchen Bildraum zu
befinden, tritt beeindruckend vor die gegebene starre Ordnung der Raster. Kathryn Hixson im Katalog zur Ausstellung „...you sure about
this place?" - Sioux City Art Center, Sioux City, USA, 2003
und The Pond, Chicago, 2002
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Gerold Tagwerker, an artist from Vienna, uses architectural photography and industrial-strength sculpture to undercut the grid-like monumentality of Modernist space. Large mirrors are physically rippled and placed on the floor, resting on pieces of wood, so that the architecture is luridly reflected as fluid and chaotic on its surface. Bending over to look the viewer sees himself midst the crazy disorder. The specific personal experience of being in and around build sites takes precedence over the given order of the grid. When Tagwerker was in the States and Canada recently, he took pictures of mid-century high rises, not the famous ones, but the mediocre ones that are ubiquitous in urban downtowns. Casually pointing his camera up from his hip to take the shots, the resulting images are liked pained glimpses upwards; we are forced to crane our necks to get the full force of the monolith. Tagwerker makes huge prints of these glimpses, and mounts them on boards, leaning them against the wall instead of hanging on it. They become aggressive stand-ins for the actual buildings, but are brought down to a one-to-one relationship with the viewer. Kathryn Hixson „...you sure about this place", exhibition
catalogue,
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(Auswahl ab 1996/selection
since 1996)
top Axel Jablonski - Von der Fassade der Moderne, David Komary - Impermanent Geometry; Axel Jablonski - Gerold Tagwerker Roland Schoeny - Gerold Tagwerker, David Komary - Gerold Tagwerker: formfollowsfunction, Norbert Pfaffenbichler - CORRIDOR, Dagrun Hintze - Der dritte Blick - Kontrollverlust als Strategie, Keri Butler - Light: The Medium is the Message, Belinda Grace Gardner - Das Gesicht der Anonymität, Marcus Lütkemeyer - Gerold Tagwerker, Karin Wendt - Flash. Gerold Tagwerker, White Cube XIII, Gabriele Spindler - Gerold Tagwerker, Kathryn Hixson - Crick in the Neck, Susanne Berchtold - Gerold Tagwerker, Susanne Berchtold - Gerold Tagwerker, Martin Hochleitner - Raum-Malerei, Gabriele Spindler - Vom Illusionsraum in den Realraum, Friedrich Achleitner, Wolfgang Kos, Rainer Fuchs u.a. im Gespräch mit Gerold Tagwerker Franz Niegelhell - Panorama Rainer Fuchs - Malerei als Konstruktion, |